Wie erinnern wir uns, wenn die Zeitzeugen nicht mehr leben? Die MOTTE und der Filmemacher Jens Huckeriede entwickeln mit dem Projekt „Sound in the Silence“ neue Formen der Erinnerung mit Mitteln der Kultur.

Autorin: Griet Gäthke

Tanzen in den Ruinen des ehemaligen deutschen Offizierscasinos in Borne Sulinowo, Foto: Marcin Oliva Soto

Tanzen in den Ruinen des ehemaligen deutschen Offizierscasinos in Borne Sulinowo, Foto: Marcin Oliva Soto

Wie interessieren wir junge Menschen für europäische Geschichte? Wie wecken wir Neugier auf unterschiedliche Sichtweisen geschichtlicher Ereignisse? Wie erreichen wir mit diesen Themen Jugendliche, die aus zugewanderten Familien kommen? Diese Fragen bewegten die MOTTE, das Projekt „Sound in the Silence“ zu initiieren. Dieses interkulturelle und internationale Projekt zeigt Wege auf, wie mit künstlerischen Formaten Erinnerungsarbeit mit jungen Menschen gelingen kann. Die Jugendlichen werden emotional erreicht, weil sie sich mit Musik, Tanz, Theater, Film und eigenen Texten ausdrücken können. Sie arbeiten mit Künstlern an Orten, an denen sie Geschichte erforschen können. Gemeinsam begeben sie sich in einen offenen Prozess, um ihrer Wahrnehmung und ihren Gefühlen nachzugehen und sich auszudrücken. Dieser Weg ermöglicht den Jugendlichen, sich individuell und über einen künstlerischen Zugang mit der spezifischen Geschichte einer Region oder eines Ortes auseinander zu setzen.

Die MOTTE organisierte 2011 und 2012 einen deutsch-polnischen Jugendaustausch mit Schülerinnen und Schülern aus Hamburg und Koszalin. Eine Woche arbeiteten die Jugendlichen mit Künstlerinnen und Künstlern an Orten, die die schwierige deutsch-polnische Geschichte widerspiegeln. Im ehemaligen Konzentrationslager Neuengamme wurden Gefangene ermordet – unter ihnen auch viele polnische Zwangsarbeiter. Borne Sulinowo in Polen hieß bis 1945 Groß Born, war deutsches und nach 1945 sowjetisches Militärgebiet, das erst seit 1992 wieder für die Zivilbevölkerung zugänglich ist. Die Jugendlichen nahmen an Workshops teil, die 2011 in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme von Künstlern aus Hamburg, San Francisco und New York und 2012 in Borne Sulinowo von Künstlern aus Hamburg, Koszalin und Wrocław/Breslau geleitet wurden. Die Workshop-Ergebnisse wurden in Performances zusammengebracht und an mehreren Orten aufgeführt. Außerdem besuchten sich die Jugendliche gegenseitig in ihren Familien. Die Erfahrungen aus diesen zwei Begegnungen waren für die Beteiligten intensiv und berührend. Es waren Erlebnisse, die für den Umgang mit Geschichte sensibilisiert und ein Verständnis für andere Sicht-weisen eröffnet haben.

Beide Projektphasen wurden von der MOTTE umfangreich dokumentiert: mit Fotobüchern über die Begegnungen 2011 und 2012, in dem Dokumentarfilm „sound in the silence“ im ehe-maligen Konzentrationslager Neuengamme von Jens Huckeriede, dem Videotagebuch 2012 von Johannes Kubin über die Begegnung in Borne Sulinowo sowie einer Fotoausstellung mit 22 Bildtafeln über beide Begegnungen.
In der dritten und letzten Phase des Projektes besuchten jeweils zwei Jugendliche aus Hamburg und Koszalin mit einem Begleitteam im September 2013 die Künstler in San Francisco und eine Hamburger Partnerschule in Chicago, um dort das Projekt Jugendlichen vorzustellen und mit ihnen zu diskutieren.

Bei diesem umfangreichen Projekt hat die MOTTE die Koordination und Organisation der Jugendbegegnung übernommen, die Schulen bei den entsprechenden Antragstellungen unterstützt und mit einem Netzwerk von Unterstützern kooperiert.

Während das Projekt praktisch umgesetzt und weiter entwickelt wird, lernen alle Beteiligten in diesem Prozess. Inzwischen sind alle davon überzeugt, dass diese Form der Geschichtsvermittlung die Jugendlichen nachhaltig erreicht. „Sound in the Silence“ wird als ein wichtiges Modellprojekt gesehen, das viele Aspekte beinhaltet, die in der zukünftigen europäischen Erinnerungsarbeit eine wichtige Rolle spielen werden und die Geschichtsvermittlung vor neue Herausforderungen stellt.

Die beteiligten Schulen öffneten sich für dieses außerschulische Bildungskonzept. Die Projektarbeit hat gezeigt, dass Geschichtsvermittlung über künstlerische Formate gelingt. Das gemeinsame Arbeiten mit den Jugendlichen in einem offenen Prozess ermöglicht den Schülerinnen und Schüler, sich individuell einzubringen – unabhängig von schulischen Leistungskriterien.

Eine wichtige Voraussetzung für das Projekt war, dass die Jugendlichen sich mit den historischen Orten direkt auseinandersetzen konnten. Deshalb fanden die Workshops vor Ort statt und arbeiteten mit der Energie, die bei dieser Konfrontation entstand. Die Jugendlichen fanden so sehr schnell einen eigenen emotionalen Zugang zum Thema. Der jeweilige Blick auf eine gemeinsame europäische Geschichte kann sehr unterschiedlich sein. So wurde bei den Jugendlichen das Verständnis für Zusammenhänge geweckt. Die Jugendlichen begannen, ihre Fragen an die geschichtlichen Ereignisse in Fragen an die Gegenwart und Zukunft zu transformieren. Nach den Begegnungen in Hamburg, Koszalin und Borne Sulinowo war die einstimmige Meinung der Schülerinnen und Schüler, dass sie sich wieder an so einem Projekt beteiligen würden und dass es der „beste Geschichtsunterricht“ gewesen war.

Ein weiterer Aspekt, den diese Projektarbeit eröffnet hat, ist die Zusammenarbeit mit dem „European Network Remem-brance and Solidarity“ in Warschau. Gemeinsam soll „Sound in the Silence“ zu einem europäischen Projekt weiterentwickelt
werden, das den Dialog insbesondere zwischen west- und osteuropäischen Ländern fördert. Denn die bestehenden unterschiedlichen Geschichtsinterpretationen auf beiden Seiten müssen erst einmal verstanden werden, um die Frage nach einer gemeinsamen europäischen Geschichte beantworten zu können.

2014 und 2015 sollen deshalb nicht nur neue Projekte mit vier internationalen Partnern in Borne Sulinowo und in Hamburg stattfinden. „Sound in the Silence“ wird auf dem 3. Symposium European Remembrance 2014 in Prag vorgestellt werden.
In Hamburg ist dann eine Fachtagung in Kooperation mit dem Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa und der Landeszentrale für Politische Bildung Hamburg geplant.

Kontakt:
MOTTE – Stadtteil&Kulturzentrum, Eulenstraße 43, 22765 Hamburg, 
040/39 92 62-0, info@diemotte.de, www.diemotte.de