Editorial zu „20. Ratschlag: Wo sind unsere Grenzen der Toleranz?“

Liebe Kulturinteressierte,

Als ich im Sommer 2017 und damit noch vor den Bundestagswahlen für unser Themenheft zur offenen Gesellschaft das Editorial schrieb, hatte ich den Eindruck, dass wir in Deutschland noch auf einer relativ sicheren Insel lebten, was die Bedrohung durch Rechtsradikalismus und Extremismus angeht. Dabei hatte es bereits Anfang 2017 den ersten Weckruf für die Stadtteil- und Soziokultur in Hamburg gegeben, als die AfD die Autonomie der Kultureinrichtungen in freier Trägerschaft angriff, nachdem das Bürgerhaus Wilhelmsburg eine Mietanfrage der AfD abgelehnt hatte. Das Bürgerhaus sah sich darauf vom Hamburger Abendblatt scharf angegriffen und die damalige Vorständin einem üblen Shit-Storm ausgesetzt.

Inzwischen sind zum „Fall“ des Bürgerhauses eine Reihe Vorfälle hinzugekommen. Dazu gehört die Zermürbungsstrategie der AfD durch kleine und große Anfragen, die Einrichtungen wie auch Kulturbehörde lahmlegen sollen, wie auch extremistische Bedrohungen gegen Personen und Institutionen.

Dabei haben die Institutionen und Initiativen der Stadtteilkultur den Zusammenhalt der Gesellschaft ganz besonders im Blick und verteidigen mit den Mitteln der Kultur die Demokratie und vertreten und vermitteln ihre Werte. Dies tun sie auf vielfältige und immer kreative Weise: So fand beispielsweise die Zinnschmelze auf die Anfrage der AfD, in der implizit ihre Verfassungstreue infrage gestellt werden sollte, eine sehr kluge Art der Antwort: Sie setzte kurzerhand eine Veranstaltungsreihe zu den Artikeln des Grundgesetzes um, die sich an ganz unterschiedliche Zielgruppen wandte, und bestärkte so den Austausch über die Grundwerte unseres Zusammenlebens.

Die Einrichtungen und Akteure der Stadtteilkultur sind aber auch in ihrer alltäglichen Arbeit wichtige Protagonisten der offenen und demokratischen Gesellschaft. Sie ermöglichen Teilhabe und Mitgestaltung und die in einer funktionierenden Demokratie essentiellen Gefühle, gehört zu werden, mitentscheiden zu können, Einfluss zu haben auf das eigene Umfeld und die eigene Lebenswirklichkeit. Und sie bieten die Orte, an denen der freie Aushandelungsprozess darüber, wie wir zusammen leben wollen, stattfinden kann. Dass wir in Hamburg diese Auseinandersetzungen so offen wie geschützt führen und dabei angstfrei verschieden sein können, ist Voraussetzung wie unschätzbare Kostbarkeit zugleich.

Eine erkenntnisreiche Lektüre wünscht Ihnen
Corinne Eichner, Geschäftsführerin

TEILEN MIT: