Zunächst soll es ein Stück über das Trügerische des Sehens werden: Sehen und geblendet sein, täuschen, hinters Licht führen. Was aber wäre, nähme man das Sehen und Nichtsehen wörtlich? Gedacht, gemacht: Rasch ist mit dem Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg ein kompetenter Partner an Bord. Im Mai 2008 wagen sich sieben blinde und sehbehinderte Laiendarsteller zusammen mit fünf Schauspielern an ein Theaterabenteuer mit viel Neuland für alle: Die Blinden Passagiere.

Autor: Jörn Waßmund
Blindenstock kreuzt Degen – Profis und Blinde agieren gemeinsam auf der Bühne, Foto: Steffen Gottschling

Blindenstock kreuzt Degen – Profis und Blinde agieren gemeinsam auf der Bühne, Foto: Steffen Gottschling

In der folgenden gemeinsamen Theaterarbeit gilt es viele Vorbehalte und Berührungsängste über Bord zu werfen – vor allem bei den Sehenden. Darf ein Sehender zu einem Blinden sagen: „Das sehe ich anders“? Oder in einer Regieanweisung das Wort „augenzwinkernd“ nutzen? Ja, er darf. Denn die Sprache ist die gleiche.

Sich mit verbundenen Augen in einer Improvisation auf den viel orientierungssicheren blinden Partner plötzlich verlassen zu müssen, ist ungewohnt und macht ohnmächtig. Für viele Blinde ist es dagegen eine erstaunliche Erkenntnis, wie sehr Sehende vom Sehen in ihrem Alltag abhängig sind – für Kommunikation, Einschätzungen, Orientierung, Urteile.

Als erste Geschichte gibt es in einer großen Raumbühne eine Dunkelbar als Treffpunkt für eine blinde Amateurtheatergruppe und gegenüber das Spielfeld einer freien Profitheatergruppe – und dazwischen rotweiße Flatterbänder an Ständern, die variabel verstellt neue Spielräume zaubern und zugleich auch
Hilfe für Gänge geben.

Gerade die Blinden wollen keine Problematisierung als ­Motiv, daher gibt es als Prolog im Foyer gleich einen Blindenwitz: „Wie ärgert man einen Blinden?“ „Man stellt ihn an eine Litfaßsäule und sagt, hier geht’s nach Hause.“ Der Titel des ­ersten Stückes heißt „Blindfische und Sehfische“.

Das Hamburger Ensemble Blinde Passagiere aus blinden Darstellern und sehenden Schauspielern und Musikern gibt es mittlerweile seit fast acht Jahren, in denen drei Stücke entstanden sind. Der Name ist nicht Programm, denn die Theatergruppe weiß, wo sie hin will und wie. Und vor allem nicht heimlich und unerkannt, sondern im Gegenteil: ins Rampenlicht. Und sie fühlt sich nicht am Rand – sondern mittendrin.

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Die Blinden Passagiere · Kultur und mehr!
Stresemannstr. 9 · 22769 Hamburg · 040/87 88 76 27
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