Schaut man als unbedarfter Außenstehender auf die Stadtteilkultur, dann scheint alles in bester Ordnung: Die Häuser sind voll, die Nachfrage groß, die Angebote so bunt wie das Publikum vielfältig. Das Ziel, Mitgestaltung und Partizipation an Kultur zu ermöglichen, mit allen gesellschaftlichen Gruppen an einer gemeinsamen Vision der Metropole der ­Zukunft zu arbeiten, wird täglich umgesetzt. Die Aufgaben der Stadtteilkultur wachsen, eine ganze Reihe von Zentren baut, um diesen steigenden Anforderungen der Zukunft entsprechen zu können. Also alles in bester Ordnung in der Stadtteilkultur?

Autoren: Corinne Eichner und Bernd Haß

Warum nehmen dann die Sorgen in der Stadtteilkultur zu? Die Wirtschaftspläne gehen doch scheinbar auf. Woran liegt es also, dass die Situation für Einrichtungen und Akteure dennoch immer prekärer wird? Der Dachverband STADTKULTUR HAMBURG wollte es genauer wissen und hat intensiv nachgeforscht, wo die Sorgen und Bedarfe in der Stadtteilkultur liegen. Eine Befragung der Stadtteilkultur­zentren an­lässlich der jährlichen Klausurtagung ergab ein besorgnis­erregendes Bild, weil Sonderinvestitionen und Projekt­förderungen nicht dazu geeignet sind, die Basis zu erhalten. Eine sehr genaue Betrachtung der vorliegenden Zahlen, die Abfrage der Bedarfe, eine Recherche weiterer wichtiger Vergleichszahlen und eine intensive Diskussion der Erkenntnisse brachten aufschlussreiche Ergebnisse.

Tarifsteigerungen: 18 Prozent höhere Personalkosten

Ausnahmslos alle befragten Zentren erwarten ein Defizit in den kommenden Jahren. Die Einrichtungen sind strukturell unterfinanziert: Die Höhe der institutionellen Förderung der Stadtteilkulturzentren ist seit 2010 praktisch gleich geblieben, die Kosten aber auf fast allen Gebieten gestiegen. Alleine die Tarifsteigerungen schlagen mit über 12 Prozent zu Buche – vertragliche Gehaltserhöhungen durch Aufstieg nach Betriebszugehörigkeit sind hier nicht einmal enthalten. Insgesamt liegen die Personalkosten der Stadtteilkulturzentren Ende 2013 sogar um 18 Prozent höher als noch 2010, obwohl der Umfang des Personals reduziert wurde. Für Staatstheater, Museen und Bücherhallen gibt es dafür einen Ausgleich, die Beschäftigten in der Stadtteilkultur aber gehen leer aus. Und die Verwaltung dieses Mangels bindet weitere Kräfte.

Höhere Nebenkosten und Investitionsstau

Die Mieten, die die Stadtteilkulturzentren zu entrichten haben, stiegen währenddessen um 12,4 Prozent, die Betriebskosten gar um 23 Prozentpunkte. Gleichzeitig kommen die Häuser der Stadtteilkultur in die Jahre und werden sanierungsbedürftig. Da Geld für notwendige Sanierungsmaßnahmen und Ersatz für marode Ausstattung fehlt, vergrößert sich der Investitionsstau stetig. Häufig sind die Einrichtungen zudem in denkmal­geschützten Gebäuden untergebracht, in denen eine Sanierung unter Gesichtpunkten der Energieeinsparung nur schwer umzusetzen ist – zumal hierfür die notwendigen Mittel fehlen. Die Steigerung der Energiepreise zwischen 2009 und 2013 um über 50 Prozent in einigen Segmenten trifft die Stadtteilkultur deshalb besonders hart, während der Zustand der Häuser und ihrer Ausstattung z.T. bereits den laufenden Betrieb gefährdet.

Da gleichzeitig die Bedarfe in den Stadtteilen wachsen und damit die Aufgaben der Stadtteilkultur zunehmen, wurden in vielen Stadtteilkulturzentren Um- und Erweiterungsbauten notwendig. Diese Baumaßnahmen sind politisch gewollt. Da aber eine Finanzierung der Folgekosten nicht vorgesehen ist, erhöht sich der Druck auf die Einrichtungen bedeutend. Einige Häuser sind in akuter Gefahr, in eine erhebliche Schieflage zu geraten.

Die Folgen: Harte Einsparungen, Selbstausbeutung und gefährdende Experimente

Diese massiven Verschärfungen auf vielen Gebieten sind reale Bedingungen, die von den Einrichtungen nicht beeinflussbar sind. Sie mussten also andere Wege beschreiten, denn die institutionelle Förderung deckt mittlerweile bestenfalls die Personalkosten oder die Raumkosten. Programmkosten hingegen können nur durch andere Quellen – Eigenmittel oder Dritt-mittel – gedeckt werden.

In allen Einrichtungen hat es deshalb in den letzten Jahren umfangreiche Einsparungen gegeben. Personal wurde abgebaut, um die Steigerung der Personalkosten aufzufangen. Durch erhebliche Anstrengungen wurden gleichzeitig die Verwaltungskosten um 23 Prozent verringert, sonstige Kosten sogar um 45 Prozent gesenkt.

Trotz der daraus entstandenen angespannten Lage ist es gelungen, die Eigeneinnahmen zwischen 2009 und 2012 um volle 20 Prozent zu erhöhen – bereits 2012 deckten die Eigeneinnahmen der Zentren deren Bedarf zu über 44 Prozent und damit zu fast 4 Prozent mehr als im Vorjahr.

Es gehört nicht allzu viel Fantasie dazu, zu erkennen, dass diese Entwicklung – ein Mehr an Aufgaben bei gleichzeitig deutlich verringertem finanziellen Spielraum – nicht spurlos an den Einrichtungen und den Akteuren vorübergeht.

Da die Arbeit selbst und die Aufgaben – anders als das Personal – nicht weniger werden, ist Selbstausbeutung die Regel: Viele Mitarbeiter arbeiten bis über die Grenze ihrer Leistungskraft, Überstunden häufen sich – ohne eine Chance, sie irgendwann abzubauen. Teilzeitarbeit ist vielfach an der Tagesordnung und am Ende des Berufslebens droht dann noch die Altersarmut. In der Umfrage gaben deshalb alle Einrichtungen an, dringend mehr Personalressourcen zu benötigen, um die Aufgaben weiter bewältigen zu können.

Experimente und Innovationen, die nach wie vor charakteris­tisch für die Stadtteilkultur sind, können nur noch mit erheblichen Risiken verwirklicht werden und gefährden die Häuser existentiell, wenn etwas nicht wie geplant läuft.

Da nicht einmal die Programmkosten durch die Förderung gedeckt sind, müssen andere Finanzquellen gesucht werden – was wiederum Kräfte bindet und Ressourcen frisst. Projektfördertöpfe, die sich immer mal wieder auftun, sind auf Dauer auch keine Lösung: Projektförderungen sind zeitlich begrenzt und Antragstellung und besondere Bedingungen in der Abwicklung der Projekte bringen weitere erhebliche Belastungen mit sich.

Deshalb: 10 Prozent mehr Förderung, Perspektiven für neue Initiativen und auskömmlich finanziertes Bauen

Damit die Stadtteilkultur auch in Zukunft Bildung ermöglicht, Zugänge und Teilhabe schafft und sich den vielfältigen Aufgaben der Zukunft stellen kann, braucht Hamburg ein deutliches Bekenntnis für die Stadtteilkultur, das sich endlich auch finanziell ausdrückt.

Der Kulturhaushalt beträgt rund 2 Prozent vom Gesamthaushalt der Hansestadt, davon sind weniger als 2,5 Prozent für die Stadtteilkultur vorgesehen. Das ist der Bedeutung der Stadtteilkultur in keinster Weise angemessen. Die Stadtteilkultur braucht mindestens 10 Prozent mehr institutionelle Förderung – auf den Kulturhaushalt berechnet sind das gerade einmal 0,25 Prozent mehr oder auf den Gesamthaushalt gerechnet nur 0,005 Prozent. Sie braucht Entwicklungsperspektiven und langfristige Planungssicherheit.

Dabei dürfen neu entstehende Initiativen nicht im Regen stehen gelassen werden, sondern müssen eine Chance auf Verstetigung finden, ohne dass durch Umverteilung bestehende Einrichtungen geschädigt werden. Notwendige und politisch gewollte Bauten müssen auskömmlich finanziert werden – ohne dabei die Folgekosten außer Acht zu lassen. Und beim Ausgleich der Tariferhöhungen darf es keine Klassengesellschaft geben – auch Mitarbeiter der Stadtteilkultureinrichtungen müssen tariflich bezahlt werden können.

Kontakt:
STADTKULTUR HAMBURG e.V., Stresemannstraße 29, 22769 Hamburg, 040/879 76 46-0, info@stadtkultur-hh.de, www.stadtkultur-hh.de

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