Corinne_EichnerLiebe Kulturinteressierte,

seit STADTKULTUR HAMBURG im vergangenen Jahr zum ersten Mal ein Magazin mit dem Thema „Willkommenskultur“ herausgegeben hat, hat sich vieles verändert. Damals, auf dem Höhepunkt der Zuwanderung, war vor allem schnelle Hilfe bei der Aufnahme gefragt: Die Menschen mussten Schlafplätze und Kleidung erhalten und sie mussten registriert werden, um den bürokratischen Weg zum Asyl zu beginnen. Tausende Freiwillige engagierten sich damals, um die Geflüchteten willkommen zu heißen und ihnen das erste Ankommen zu erleichtern. Die Stadtteilkultur brachte von Anfang an ihre langjährige und vielfältige Erfahrung ein, ermöglichte Begegnungen und entwickelte Ideen, wie mit kulturellen Mitteln Teilhabechancen geschaffen werden konnten.

Inzwischen haben sich die Herausforderungen gewandelt. Die Geflüchteten verändern unseren Alltag und bereichern unsere Kultur um eine nie gekannte Diversität. Heute liegen die zentralen Aufgaben für die aufnehmende Gesellschaft darin, gesellschaftliche Veränderungsprozesse vor Ort im Stadtteil und in zivilgesellschaftlichen Netzwerken zu gestalten und nachhaltige Strukturen zu schaffen. Es geht, wie es Eleonore Hefner in ihrem Beitrag in dieser Ausgabe beschreibt, um „einen neuen gesellschaftlichen Zukunftsentwurf – um die Gestaltung eines ‚neuen Deutschlands’“. Die Bildung neuer Gemeinschaften, in denen alle in Hamburg lebenden Menschen gleichermaßen am gesellschaftlichen Leben teilhaben, ist eine große Aufgabe, zu der die Stadtteilkultur einen zentralen Beitrag leisten kann.

Besonders vor dem Hintergrund wachsender Polarisierungen in unserer Gesellschaft ist nicht nur die soziale Grundversorgung essentielle Aufgabe der aufnehmenden Stadtgesellschaft, sondern auch die Partizipation durch Entwicklung einer gemeinsamen wertebasierten Kultur. Kultur bietet viele Möglichkeiten, neue Identitäten jenseits ethnischer, religiöser und kultureller Herkunft zu entwickeln, den aktuellen Herausforderungen gestaltend zu begegnen und eine neue Stadtgesellschaft zu bilden, deren Basis eine werteorientierte gemeinsame Kultur ist.

Eine erkenntnisreiche Lektüre wünscht
Corinne Eichner, Geschäftsführerin