Durch Digitalisierung und Globalisierung wandelt sich die Welt rasant. Bei vielen Menschen entsteht dadurch ein Gefühl der Ohnmacht. Aber dieses Gefühl ist kein Naturgesetz. Es kann überwunden werden.

Autorin: Marina Weisband
Marina Weisband erläutert das Prinzip der Direkten Demokratie, Foto: Miguel Ferraz

Marina Weisband erläutert das Prinzip der Direkten Demokratie, Foto: Miguel Ferraz

Veränderung der Gesellschaft gibt es immer. Doch zurzeit schreitet die Veränderung in allen Bereichen rasant voran. Während die Industriegesellschaft sich zur Informationsgesellschaft wandelt, ändern sich Arbeitswelt, Privatleben, Machtverhältnisse, Familienbild, Werte und Normen. Alles ist irgendwie globalisiert, alles ist irgendwie digitalisiert und viele Menschen haben das Gefühl, nicht mehr mitzukommen. Zurückzubleiben, während die Welt einen großen Schritt vorwärts macht. Das entstandene Gefühl der Ohnmacht verleitet entweder zu Populismus und Hass – oder zum Rückzug ins Private.

Dieses Gefühl ist kein Naturgesetz. Es kann überwunden werden. Der Ort, wo man zu der Erfahrung findet, selbst nicht hilfloser Beobachter, sondern Gestalter seiner Umwelt zu sein, ist die Kommune. Dort, wo man sowohl die Mitmenschen, als auch die Probleme aus nächster Nähe kennt. Wo man die Ergebnisse der eigenen Mühen jeden Tag real sieht.

Auch im Zeitalter des Internets, vermutlich gerade da, ist es die direkte, verbindliche Beteiligung vor Ort, die Menschen wieder für Demokratie begeistern kann. Gerade vor Ort lassen sich analoger Raum und digitale Werkzeuge optimal verbinden, um Menschen zu aktivieren, zusammenzubringen, Verantwortung für sich und für andere tragen zu lassen.

Das Internet ermöglicht uns völlig neue Arten der Beteiligung. Ich will hier nur ein Beispiel nennen. Jeder Mensch hat Themenbereiche, in denen er sich sehr gut auskennt und in denen er gern mehr Verantwortung tragen würde. Deshalb wünschen sich viele direkte Demokratie.

Doch direkte Demokratie benachteiligt jene, die nicht genug Kenntnisse über die betreffenden Themen haben. Oder keine Zeit, sich damit auseinanderzusetzen. Uninformierte direkt-demokratische Entscheidungen können zu Phänomenen wie dem Brexit führen, bei denen praktisch alle verlieren.

Deshalb gibt es repräsentative Demokratie. Die motiviert aber eben immer nur einen geringen Prozentsatz der Menschen zu aktiver Beteiligung. Außerdem sind wir in einer Repräsenta­tionskrise. Denn in einer komplexer werdenden Welt haben Menschen in verschiedenen Bereichen sehr individuelle Bedürf­nis­se. Mir selbst ist es unmöglich, einen einzigen Repräsentan­ten zu wählen, der mich in jedem Bereich vertreten würde. Und in vielen Bereichen will ich selbst Verantwortung tragen.

Eine Lösung: Liquid Democracy

Seit 2006 wird in der Politikwissenschaft darum die Liquid Democracy erforscht, in der jeder eine Stimme hat und diese selbst einsetzen kann – sie aber auch an beliebige andere Personen übertragen werden kann, sofern diese Vertrauen genießen und im jeweiligen Thema über größere Kompetenz verfügen.

Dieses Modell eignet sich vor allem gut für den Einsatz in lokalen Kontexten. Es wurde in Kommunen, Parteien und Schulen getestet. Erfolg hatte es allerdings nur dort, wo die Entscheidungen, die damit hervorgebracht wurden, auch ­verbindlich waren. Und hieraus ist etwas Wichtiges zu lernen: Teilhabe, die nur Vorschlagscharakter hat, kann Frust erzeugen und so echter Demokratie sogar abträglich sein. Verantwortung lernt nur, wer Verantwortung wirklich trägt.

Marina Weisband erläutert Liquid Democracy am Beispiel des Projekts „aula“, Foto: Miguel Ferraz

Marina Weisband erläutert Liquid Democracy am Beispiel des Projekts „aula“, Foto: Miguel Ferraz

Das Projekt „aula – Schule gemeinsam gestalten“ testete zwei Jahre lang verbindliche Schülerbeteiligung mit Hilfe eines digitalen Werkzeugs und analoger didaktischer Materialien auf dem Grundsatz der liquiden Demokratie an vier weiterführenden Schulen.

Die Schüler*innen profitierten nicht nur von der freiwilligen Selbstverpflichtung der Schulkonferenz, ihre Entscheidungen mitzutragen, sondern auch von der digitalen Plattform. Sie struk­turierte und protokollierte den Beteiligungsprozess. Sie erleichterte den Zugang für schüchterne Schüler*innen und solche, die Deutsch nur als Fremdsprache sprechen und sich schriftlich in Ruhe ausdrücken konnten. Sie brachte ältere und jüngere Schüler*innen in Dialog, die sich sonst nie sahen. Und nicht zuletzt schulte sie die Jugendlichen in politischer Debatte dort, wo ein Großteil der politischen Debatte heute stattfindet – nämlich online.

Facebook ist kein demokratisches Werkzeug. Twitter ist kein demokratisches Werkzeug. Das liegt aber nicht daran, dass sie digital sind. Das liegt daran, dass sie einer kapitalistischen Logik folgen und Werbung verkaufen müssen.

Die Zivilgesellschaft darf großen Unternehmen nicht die Gestaltung der digitalen Sphäre überlassen. Es ist möglich, offene Plattformen zu schaffen, kostenlose Werkzeuge zu schaffen, die der Demokratie nützlich sind.

Diese Werkzeuge werden allerdings niemals ein Ersatz für die zwischenmenschliche Interaktion sein. Sie können immer nur unterstützen. Die politische Energie entsteht immer in der ­physischen Begegnung von Menschen. Deshalb bleibt das Lokale für die Entwicklung der Demokratie zentral. Wenn wir keine Angst vor der digitalen Sphäre haben, sondern sie kritisch zu behandeln und zu gestalten lernen, können wir Menschen lokal vernetzen – und die Welt global verändern.

Weitere Informationen
aula – Schule gemeinsam gestalten
www.aula-blog.website

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