Der digitale Dreischritt

Die digitale Transformation hat drei Seiten: Digitalisierung, Datafizierung und Algorithmisierung. Einen proaktiven Umgang mit der digitalen Transformation pflegt das Creative Space for Technical Innovations (CSTI) der HAW Hamburg. Das CSTI ist nicht nur zuständig für die wissenschaftliche Ausbildung von Studierenden und angewandte Forschung innerhalb der Informatik, sondern ganz wesentlich auch ein Ort, an dem über Technologieentwicklung und -anwendung diskutiert, gestritten und diese in den unterschiedlichen interdisziplinären Zusammensetzungen erprobt werden.
Autorin: Dr. Susanne Draheim
In der Ausstellung des CSTI könnten die Teilnehmer*innen „Smart Objects“ selber austesten – wie hier Virtual Reality mit Hilfe einer Datenbrille, Foto: Miguel Ferraz
In der Ausstellung des CSTI könnten die Teilnehmer*innen „Smart Objects“ selber austesten – wie hier Virtual Reality mit Hilfe einer Datenbrille, Foto: Miguel Ferraz

Digitalisierung wird als ein gesellschaftlicher Prozess ­verstanden, aber im engeren Sinne ist sie zunächst die ­Umwandlung analoger Werte in digitale Formate. Das ist die Voraussetzung für die Digitalisierung im weiteren Sinne des Wortes, nämlich die „Erarbeitung und Erprobung berechenbarer Daten“ – also „Datafizierung“ – im Medium analoger ­Widersprüchlichkeit. Gemeint sind hier Deutung und Kommunikation unter anderem von und mit Maschinen.

Digitalisierung bedingt Datafizierung bedingt Algorithmi­sierung. Bei letzterem haben wir es mit Trends wie Machine Learning zu tun als einem Konglomerat von Technologien, wo (potenziell) selbstverbessernde, operativ intransparente Algorithmen an gesellschaftlichen (Entscheidungs-)Prozessen unmittelbar beteiligt sind. Damit treibt Technologieentwicklung Gesellschaftsentwicklung vor sich her.

Die ausgelösten Veränderungen können auch radikal sein, das nennen wir dann nicht mehr digitale Transformation, ­sondern mit Clayton Christensen „digitale Disruption“. Gemeint ist damit, dass Technologieentwicklungen ganze Branchen neu sortieren, wie das in jüngerer Zeit die großen „Plattform-Unternehmen“ von Facebook über Amazon, von AirBNB bis zu UBER getan haben, häufig unter Ausnutzung von recht­lichen Grauzonen.

Der Kultursoziologe Felix Stalder untersucht in seinem Text „Kultur der Digitalität“ den Aufstieg der Algorithmen als realitätsstiftende Infrastrukturen: „Algorithmizität bezeichnet jene Aspekte der kulturellen Prozesse, die durch von Maschinen ausgeführte Handlungen (vor-)geordnet sind. Algorithmen transformieren die unüberschaubaren Daten- und Informationsmengen, die heute viele Bereiche des Alltags prägen, in Dimensionen und Formate, welche durch die menschliche Wahrnehmung überhaupt erfasst werden können.“

Als problematisch sieht Stalder vor allem, dass „von Algorithmen erstellte Ordnungen (immer) stärker darauf ausgerichtet werden, dem individuellen Nutzer seine eigene, singuläre Welt zu schaffen“. Facebook und andere soziale Plattformen sind hier viel radikaler unterwegs als selbst Google.
Kommen wir zur zweiten Konsequenz aus dem Dreischritt „Digitalisierung – Datafizierung – Algorithmisierung“: Der sogenannten „Feinkörnigkeit“ oder „Granularisierung“ von Gesellschaft, wie der Soziologe und Journalist Christoph Kucklick es 2014 genannt hat.

Kucklick beschreibt die durch Verdatung möglich werdenden Selbstvermessungs- und -deutungsmöglichkeiten – ob die Quantified Self-Bewegung, sensorische Erfassung von Umweltdaten oder Wahlforschung durch Social Media – und kommt nebenbei zu dem Schluss, dass die sozialwissenschaftlichen Begriffe und Methoden, die vielfach an der Bildung von Mittelwerten und Normalverteilungen ausgerichtet sind, durch diese neuartigen Möglichkeiten herausgefordert werden.

Im Prozess der „Selbstquantifizierung“ (QS) werden beispielsweise Verhaltensformen, einzelne Zustände und Leistungen konkreter Körper in Daten überführt, die sich durch Speicherung, Vergleich, Auswertung bzw. Verkauf verarbeiten lassen. Die kulturkritische Deutung dazu von Stefan Selke (2016) ­lautet: „Die Lust an der boomenden Selbstverdatung korres­pondiert vor allem mit der Angst vor Kontrollverlust in modernen Gesellschaften. Gefahren werden in berechenbare Risiken und erwartbare Sicherheiten zerlegt, um so die Beherrschbarkeit der Welt zu suggerieren.“

Kucklick bleibt nun aber nicht bei der Beschreibung der ­Granularisierung von Gesellschaft stehen, sondern stellt ihr drei Begleiterscheinungen an die Seite, die er – etwas inflationär – Revolutionen nennt: Die Differenz-Revolution (kleinteilige Unterschiede zwischen Menschen werden zugespitzt und genutzt), die Intelligenz-Revolution (Zugänge zu Wissen und ökonomischen Chancen werden granular neu verteilt) und die Kontroll-Revolution (gemeint sind Social Scoring Systeme, die potenziell Sozialverhalten bewerten und sanktionieren).

Was heißt das nun konkret? Der Soziologe Dirk Baecker schreibt: „Digitalisierung als sozialer und kultureller Prozess heißt, dass sich Maschinen an Kommunikation beteiligen und dass alle anderen Akteure – Menschen, Organisationen, Teams – sich darauf einstellen, dass sie sich beteiligen.“

Um Technologieentwicklung und ihre sozialen Konsequen­zen aufeinander zu beziehen, arbeitet das CSTI in interdisziplinären Studien- und Forschungsprojekten daran, Digitalisierung prototypisch erfahrbar zu machen – wie die auf dem Ratschlag ausgestellten „Smart Objects“ – und zu reflektieren. Das Ziel des CSTI ist es, einer großen Vielfalt von Akteur*innen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft die Umsetzung von innovativen Ideen in den Bereichen „Interactive Virtual / Augmented Reality“, „Smart Object & User Interface“, „Machine Learning & Data Mining“ und „Science & Technology Studies“ zu ermöglichen.

KONTAKT
CREATIVE SPACE FOR TECHNICAL INNOVATIONS
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csti@haw-hamburg.de · www.csti.haw-hamburg.de

Literaturangaben:

  • Baecker, Dirk (2018): Die Lücke, die der Rechner läßt. Leipzig, S.59
  • Baecker, Dirk (2017): Ausgangspunkte einer Theorie der Digitalisierung. In: Bernd Leukert/
  • Bower, J., Christensen, C., (1995). Disruptive technologies: catching the wave. Harvard Business Review, S. 41–53.
  • Christensen, Clayton M. (1997): The Innovator’s Dilemma. When new Technologies cause great firms to fail. Boston/ Mass.
  • Gläß, Rainer / Schütte, Reinhard (Hrsg. 2017): Handel 4.0. Die Digitalisierung des Handels, S. 3-24
  • Kucklick, Christoph (2014): Die granulare Gesellschaft: Wie das Digitale unsere Wirklichkeit auflöst. Berlin, S.10
  • Schäfer, Mirko Tobias/ van Es, Karin (Ed. 2017): The Datafied Society. Studying Culture through Data. Amsterdam.
  • Selke, Stefan (Hg. 2016): Lifelogging. Digitale Selbstvermessung und Lebensprotokollierung zwischen disruptiver Technologie und kulturellem Wandel. Wiesbaden, S. 314
  • Stalder, Felix (2016): Kultur der Digitalität. Berlin, S. 182, 189
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