„Das Leben ist eine ständige Baustelle“, lautet ein häufig benutztes Bonmot. Gemeint ist, dass niemals im Leben eine Situation eintritt, in der alles so entwickelt und im Gleichgewicht ist, dass es an keiner Stelle einer Weiterentwicklung und Veränderung oder gar eines Umbaus bedarf. Was für das Leben des Einzelnen gilt, gilt erst recht für unsere Gesellschaft. Die Stadtteilkultur, die so eng mit der Gesellschaft verwoben ist wie wohl sonst keine andere Kulturform, arbeitet an der Baustelle Gesellschaft intensiv mit – sie entwickelt und entwirft, legt Fundamente, baut Strukturen, verlegt Leitungen, sorgt mit Fenstern für Durchblick und öffnet die Türen für die offene Gesellschaft, in der wir zusammen leben wollen.
Autorin: Corinne Eichner

Stadtteilkultur ist in besonderem Maße dafür geeignet, den Umbruch, den unsere Gesellschaft erlebt, mitzugestalten und durch kulturelle Teilhabe verschiedenste gesellschaftliche Gruppen einzubinden und deren kreative und gestalterische Potenziale zu entwickeln und nutzbar zu machen. Die Einrichtungen und Initiativen der Stadtteilkultur haben die Herausforderung, die aus der vermehrten Zuwanderung der letzten Jahre entstand, nicht nur angenommen, sondern die Chancen der wachsenden Gesellschaft und die Impulse, die unsere Kultur und Zusammenleben bereichern, wahrgenommen. Stadtteilkultur spiegelt die ganze Vielfalt der Kulturen unserer internationalen Stadt und bindet sie auf allen Ebenen ein. Sie macht die kulturelle Vielfalt erlebbar und offenbart ihre Potenziale. Sie schafft mit den Mitteln der Kultur neue Identitäten – jenseits sozialer und herkunftskultureller Zuschreibungen. Interkulturelle Öffnung ist in der Stadtteilkultur nicht nur ein Schlagwort, sondern eine Aufgabe, an der auf allen Ebenen – von der Gestaltung des Programms über die Personalstruktur bis zur Zusammensetzung des Publikums – gearbeitet wird. Sie wird so zur selbstverständlichen Praxis und zum Modell für andere Bereiche der Gesellschaft.

Die politische und gesellschaftliche Entwicklung der letzten Monate hat jedoch deutlich zu Tage gebracht, dass es bei uns und in anderen Ländern erhebliche Widerstände gegen eine Öffnung der Gesellschaft und der Institutionen gibt. Populisten und Extremisten, die eine geschlossene Gesellschaft fordern, erhielten einen Zulauf, den viele zuvor nicht für möglich gehalten hatten. Gesellschaftliche und kulturelle Teilhabe kann verhindern, dass Menschen sich abgehängt fühlen und scheinbar einfachen Wahrheiten von Populisten folgen. Stadtteilkultur gestaltet die Zukunftsfähigkeit und den Zusammenhalt unserer demokratischen Gesellschaft mit und ist ein gesellschaftlicher Lernort, an dem sich Menschen freiwillig für das Gemeinwohl engagieren und Selbstwirksamkeit und Zusammenhalt erleben. Der Aufbau neuer Gemeinschaften, in denen alle in Hamburg lebenden Menschen gleichermaßen am gesellschaftlichen Leben teilhaben, ist eine große Baustelle, zu der die Soziokultur einen zentralen Beitrag leisten kann.

Deshalb widmet sich das stadtkultur magazin in seiner nächsten Ausgabe im September 2017 der nächsten Baustelle: „Offene Gesellschaft: Wie wollen wir zusammen leben?“.

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