Liebe Kulturinteressierte,

Merkwürdigerweise gehört zu meinen relativ frühen Kindheitserinnerungen ein mehrteiliger Fernsehfilm, in dem eine Familie ein Haus baut und sich mit vollkommen ungeplanten Ereignissen herumschlägt, die sie total überfordern. Beeindruckt war ich wohl vor allem davon, dass die Protagonisten – immerhin Erwachsene! – völlig hilflos schienen und sich den verschiedenen am Bau beteiligten Unternehmen vollkommen ausgeliefert fühlten. „Einmal im Leben“ mit Fritz Lichtenhahn in der Hauptrolle, führte dazu, dass ich lebenslang allergrößten Respekt davor hatte, einen Bau zu verantworten.

Zum Glück haben die meisten derjenigen, die in den letzten Jahren die Erweiterung und Sanierung zahlreicher Häuser der Stadtteilkultur betrieben haben und dies in den nächsten Jahren tun werden, diesen Film wohl in ihrer Kindheit nicht gesehen. Stattdessen haben sie unerschrocken und mit großem Idealismus ihr Anliegen vorangetrieben, mehr Raum für kulturelle Teilhabe, Vielfalt und Empowerment zu erlangen. Dazu braucht es Visionen bei gleichzeitig ausgeprägtem Sinn für die Realität, viel Idealismus, einen starken ­Willen und ein hohes Maß an Kompetenz und Professionalität.

In Hamburg ist so in den letzten 40 Jahren eine Stadtteilkultur von einzigartiger Vielfalt entstanden. Die Häuser der Stadtteilkultur sind Orte der kritischen und kreativen Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Themen, Spielraum zum Aktivwerden und Möglichkeitsräume. Hier werden Potenziale entfaltet, Kompetenzen entwickelt, Qualität geschaffen, Ideen verwirklicht und Impulse für Stadtentwicklung gegeben. Die Leistungsfähigkeit und Wirkungsmacht der Stadtteilkultur ist aber eng verknüpft mit ihrer Raumsituation.

Wenn es auch im Hinblick auf die Häuser der Stadtteilkultur viele Fortschritte gegeben hat, so ist die Basis noch immer von einem strukturellen Defizit bedroht. Hier fühlen sich die Protagonisten manchmal tatsächlich wie die Figuren in dem zitierten Fernsehfilm: Sie versuchen mit großer Mühe trotz wackligem Fundament, den vielen Belastungen standzuhalten und mit den immer geringeren finanziellen Mitteln irgendwie rumzukommen. Auf dieser Baustelle der Stadtteilkultur ist noch immer viel zu tun.

Eine erkenntnisreiche Lektüre und frohes Schaffen wünscht

Corinne Eichner, Geschäftsführerin

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