Alles im Eimer? Bleiben Sie zuversichtlich!

Die Verordnungen zum Infektionsschutz werfen viele Fragen auf und ermöglichen in der Praxis nur ein Fahren auf Sicht. Aber manchmal ist die Sicht getrübt, berichtet Goldbekhaus-Geschäftsführer Bernd Haß. Was bleibt, ist die Hoffnung, dass das Lebensmittel Kultur nicht verschwindet, weil die Künstler*innen und die Lebensmittelläden Pleite gehen.

AUTOR: BERND HASS

Wie bitte? Abstand und Mund-Nasen-Schutz führen manchmal zu vermehrten Nachfragen. Der nette Kursleiter will nur seinen Eimer für die notwendigen Hygienemaßnahmen abholen. Alles drin? Putztücher, Reinigungs- und Desinfektionsmittel, Zettel für die Datenerfassung? Und schon die Datenschutzerklärung unterschrieben?

Alles okay, was die Einhaltung des Schutzkonzeptes angeht. Aber ob es wirklich hilft, wo doch eher die Übertragung über die Luft kritisch zu sein scheint? Was wird im Winter, wenn die Fenster nicht ständig offen stehen können? Reichen die Lüftungspausen? Was im Gruppen- und Seminarbetrieb noch einfach scheint, wird zur Herausforderung im Veranstaltungsbetrieb.

Werden jemals wieder Indoor-Märkte, Disco und Familienfeiern ohne feste Sitzplätze möglich sein? Was ein fester Sitzplatz im Sinne der Corona-Verordnung ist, wissen wir ja mittlerweile durch das beharrliche Bemühen von STADTKULTUR HAMBURG, Kulturbehörde und federführendem Bezirk Harburg, auch die letzte Unklarheit zu beseitigen. Ein großer Dank geht an die Kolleg*innen, die an der Problematik dranbleiben.

Wenn es um die Regelungen und deren Auslegung geht, heißt es häufig: Wir fahren auf Sicht. Manchmal ist die Sicht getrübt und wir wissen nicht genau, wie es weitergehen soll. Streaming, Podcast und Online-Angebote können die analoge Begegnung nicht wirklich ersetzen und rechnen sich nicht. Eben so wenig wie Veranstaltungen, bei denen im Haus rechnerisch ein Gast zehn Quadratmeter Platz braucht, um Abstand halten zu können.

Abstand und Mund-Nasen-Schutz werden uns noch lange begleiten. Wenn wegen des Abstandgebotes wenig Berührung möglich ist, dann sollte es doch berührende Erlebnisse geben.

Das konnte man bei den ersten Gehversuchen des Goldbekhauses nach der unfreiwilligen Auszeit erleben. Auch erfahrene Bühnenprofis mussten sich in der Reihe „short cuts“ auf ungewohnter Open Air-Bühne auf ein distanzwahrendes, aber keinesfalls distanziertes Publikum einstellen. Dargeboten wurden Kabarett, Comedy und Geschichten im Hof. Nebenbei zeigte sich, in welche Situation eine auftrittslose Zeit führen kann. Trotz medienwirksamer Notfallprogramme stecken viele Künstler*innen in echter Existenznot, sowohl materieller als auch seelischer Art. Kunst kommt bei vielen Bühnenprofis von Können und Müssen.

Und dass viel Zeit zu haben nicht direkt in den kreativen Flow führt, wissen alle, die sich schon mal damit beschäftigt haben, wie Kreativität befördert wird. Da braucht es heraufordernde Situationen und Auseinandersetzung und das nicht im Sinne von 1,50 Meter Abstand.

Helfen könnte, Finanzierungsmodelle zu entwickeln, welche die Programmarbeit direkt unterstützen und den Ausfall von Einnahmen kompensieren würden. Ebenso hilfreich wäre es, wenn das häufig beschworene schnelle und unbürokratische Handeln in eine Entschlackung des Kleingedruckten in den Zuwendungsbedingungen münden würde.

Klar ist, dass das Lebensmittel Kultur, welches den Zusammenhalt der Gesellschaft sichern kann, nur dann da ist, wenn die Lebensmitteläden nicht Pleite gehen. Wir können nur hoffen und wünschen, dass die Krise uns dazu bringt zusammenzubleiben und dass die Zuversicht bleibt.

Bernd Haß
Bernd Haß

studierte Kulturpädagogik in Hildesheim und Betriebswirtschaft in Hamburg. Er ist seit 2001 Geschäftsführer im Goldbekhaus.

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