Im deutschsprachigen Raum wurde der Begriff der Transkulturalität vor allem von dem Philosophen Wolfgang Welsch Mitte der 1990er Jahre eingeführt. Er verwendet diesen Begriff ausdrücklich als Gegenentwurf zu den Konzepten der Multi- und Interkulturalität, denen er ein traditionelles und unzeitgemäßes Kulturverständnis zuschreibt.

Autorin: Dr. Des. Kathrin Sinner

Die beiden Termini – Multi- und Interkulturalität – basieren auf einem essentialistischen Kulturbegriff, der im Wesent­lichen auf Johann Gottfried Herder (1744–1803) zurückgeht. In dieser Vorstellung sind Kulturen in sich homogen und klar voneinander zu unterscheiden. Im Folgenden werden kurz die Kritikpunkte von Welsch an diesen Konzepten skizziert und da­-ran anschließend sein Konzept der Transkulturalität vorgestellt.

Anfang der 1980er Jahre wurde die Idee des Multikultura­-­lis­mus in öffentlichen Debatten in Deutschland aufgegriffen. Diese Diskussionen wurden von dem Konzept einer multikulturellen Gesellschaft beeinflusst, das 1971 in Kanada im Kontext der Konflikte zwischen der frankophonen und anglophonen Bevölkerung entstanden ist. Im Jahr 1988 wurde diese Politik des Multikulturalismus mit der Einführung des „Multikultura­litätsgesetzes“, das das Recht auf kulturelle Verschiedenheit und soziale Chancengleichheit beinhaltet, rechtlich konkretisiert.

Eine theoretische Auseinandersetzung um Multikulturalis­mus erfolgte vorwiegend im nordamerikanischen Raum. Ins­-be­sondere der kanadische Philosoph Charles Taylor entwarf in seinem Essay „Multikulturalismus und die Politik der Anerken­nung“ (1992) ein Modell, das für die dauerhafte Anerkennung von kultureller Differenz auf staatlicher Ebene eintritt. Im Unter­­schied zu „klassischen Einwanderungsländern“ wie Kanada und den USA hat sich das Selbstverständnis in Deutsch­land als plurale Gesellschaft erst sehr spät entwickelt. Während kulturelle Pluralität im Konsumbereich erwünscht ist, wie die viel­fachen „Ethno-Food“ Angebote – z.B. indische Restaurants – oder Inszenierungen von kultureller Vielfalt auf der Event-Ebene – z.B. Stadtfeste – verdeutlichen, fehlt es weiterhin an Anerken­nung auf der gesellschaftspolitischen Ebene.

Der Begriff Multikulturalismus bezieht sich nach Welsch auf die Fragen des Zusammenlebens verschiedener Kulturen innerhalb einer Gesellschaft, wobei weiterhin von abgegrenzten, statischen und in sich homogenen Kulturen ausgegangen wird. Dieser Ansatz impliziert, dass es dabei nicht zur Verflech­tung der verschiedenen Kulturen kommt, sondern dass diese nebeneinander bestehen. Das Konzept der Multikulturalität ver-sucht daran anknüpfend, Möglichkeiten der Verständigung, Tole­ranz und Konfliktvermeidung nachzugehen (vgl. Welsch 1995).

Der Interkulturalitätsansatz geht im Unterschied zu der Idee der Multikulturalität von einem Interaktionsverhältnis verschiedener Kulturen aus. Erste Überlegungen zum Konzept der Interkulturalität sind in Deutschland in den 1980er Jahren im Bildungsbereich entstanden. Gegenwärtig beschäftigen sich unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen mit interkulturellen Forschungsfragen, wie z.B. die Studiengänge „Interkul­­-tu­relle Kommunikation“ oder „Interkulturelle Germanistik“. Das Modell der Interkulturalität beruht ebenfalls auf angenom­me­nen Differenzbeziehungen zwischen dem kulturell Eigenen und dem kulturell Anderen. Dementsprechend wird kulturelle Verschiedenartigkeit als Begründung für mögliche Konflikte benannt und als Lösungsansatz die Vermittlung von Wissen über kulturelle „Andersartigkeit“ präsentiert.

Die Begriffe der Multikulturalität und der Interkulturalität sind nach Welsch insofern problematisch, da sie zu kulturalis­tischen Grenzziehungen führen können (vgl. Welsch 1995). Kon­fliktsituationen und Phänomene, denen soziale und politische Ursachen zugrunde liegen, werden dann mit der Her­kunft aus unterschiedlichen kulturellen Zusammenhängen erklärt, wie z.B. die öffentlichen Diskussionen um sogenannte „Parallelge­sellschaften“. Diese Reduzierung auf ein kulturelles „Anders­sein“ führt dazu, dass soziale Ungleichheiten wie ungleiche materielle Lebenschancen ausgeblendet werden.

In Abgrenzung zu diesen substantialistischen Kulturkonzep­ten verwendet Welsch den Begriff der Transkulturalität, um die gegenwärtige hybride Verfasstheit von Kulturen zu beschreiben. Nach Welsch sind heutige Kulturen vor dem Hintergrund der Globalisierungsprozesse durch interne Differenziertheit und durch externe Austauschprozesse sowie Überlagerungen geformt. Die Vorsilbe „trans“ schließt dabei zwei Bedeutungen ein: „[einerseits], dass die heutige Verfassung der Kulturen ­jenseits der alten (der vermeintlich kugelhaften) Verfassung liegt und [andererseits] dass dies eben insofern der Fall ist, als die kulturellen Determinanten heute quer durch die Kulturen hin­durchgehen, so dass diese nicht mehr durch klare Abgrenzung, sondern durch Verflechtungen und Gemeinsamkeiten gekennzeichnet sind.“ (Welsch 2010, S. 42)

Anstelle der alten als Nationalkulturen konzipierten Kultu­ren existieren nach Welsch diverse Lebensformen und Lebens­stile, die über die Grenzen der Nationalstaaten hinausgehen (vgl. Welsch 1995). In diesem Verständnis drückt das Konzept der Transkulturalität die zunehmende Verflüssigung der binär gedachten Kategorien von kulturell Eigenem und kulturell Fremden, sowie die daraus resultierende Bildung von grenzüberschreitenden Netzwerken aus. Dieser Ansatz basiert auf einem offenen, dynamischen und deterritorialisierten Kultur­begriff, wie er auch in den Kulturwissen­schaften verstanden wird. Das Konzept der Transkulturalität trägt in der theoretischen Perspektive zu einer Auflösung bzw. „Entschärfung“ von kulturellen Differenzen bei, indem diese als temporäre, durchlässige und heterogene Phänomene betrachtet werden.

Dr. des. Kathrin Sinner ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Seminar für Europäische Ethnologie/Volkskunde an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.

Literatur:
Alois Moosmüller (2009): Kulturelle Differenz: Diskurse und Kontexte. In: Alois Moosmüller (Hg.), Konzepte kultureller Differenz. (Münchner Beiträge zur Interkulturellen Kommunikation, 22). Münster, S. 13–45.
Matthias Otten (2009): Was kommt nach der Differenz. In: Alois Moosmüller (Hg.), Konzepte kultureller Differenz. (Münchner Beiträge zur Interkulturellen Kommunikation, 22). Münster, S. 46–65.
Charles Taylor (2009): Multikulturalismus und die Politik der Anerkennung. Frankfurt/Main.
Wolfgang Welsch (1995): Transkulturalität. Zur veränderten Verfaßtheit heutiger Kulturen. In: Zeitschrift für Kulturaustausch 1, S. 39–44.
Wolfgang Welsch (2010): Was ist eigentlich Transkulturalität? In: Lucyna Darowska u.a. (Hg.): Hochschule als transkultureller Raum? Kultur, Bildung und Differenz in der Universität. Bielefeld, S. 39–66.

Kontakt: Dr. des. Kathrin Sinner, Seminar für Europäische Ethnologie/Volkskunde, Olshausenstr. 40, 24098 Kiel, sinner@volkskunde.uni-kiel.de
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