Problematische Leerstellen

Denkmäler aus der NS-Zeit transportieren mitunter unkommentiert das Geschichtsbild der Nationalsozialisten. Bald 75 Jahre nach Kriegsende gehört eine Dekonstruktion überkommener öffentlicher Traditionspflege auf die Tagesordnung. Zwei Beispiele aus Wandsbek.

Autorin: Dr. Sigrid Curth

Die aktuelle politische und zivilgesellschaftliche Auseinandersetzung um demokratische Werte in einer vielfältigen Stadtgesellschaft macht das Thema der öffentlichen Geschichtsdeutung anhand historischer Denkmale mit Identifikationskraft brandaktuell. Auch „Steine“ als Teil des kollektiven Gedächtnisses reden zu uns Heutigen. Sie transportieren – ob bewusst oder nicht – eine Sicht auf die Vergangenheit, die immer wieder zur Debatte stehen und interpretiert werden muss, um daraus zu lernen und Perspektiven für die Verteidigung und Weiterentwicklung von Demokratie und Frieden zu gewinnen.

Die Geschichtswerkstatt Wandsbek hat seit ihrer Gründung 2013 hier ihre Rolle: Sie will aufklären und überall dort, wo sich in Wandsbeks lokaler Geschichte problematische „Gedächtnislücken“ und unbearbeitete Leerstellen finden, an Erforschung, Bearbeitung und gegebenenfalls Revision arbeiten. Im Verständnis von Geschichte als Gesellschafts- und Arbeitsgeschichte grenzt sie sich bewusst ab von einer immanenten Geschichtsbetrachtung, die Ereignisse affirmativ beschreibt und aneinanderreiht, ohne den Entstehungs-, Begründungs- und Wirkungszusammenhang zu beleuchten. Dies erzeugt Konflikte mit den örtlichen Instanzen, wie exemplarisch an zwei Denkmalen von 1937 und 1938 gezeigt wird.

Der Wandsbeker Geschichtsstein

Wandsbeker Geschichtsstein am 3. Standort nahe der Wandsbeker Christuskirche 2005 bis 2015, Foto: Ajepbah

Der „Geschichtsstein“ zur Erinnerung an die eigenständige Geschichte Wandsbeks bis zur Eingemeindung nach Groß-Hamburg zeigt bis heute den Text des letzten Oberbürgermeisters von Wandsbek – Dr. F. Ziegler – von 1937, der im Sinne der NS-Ideologie eine Reihe von Daten enthält. Anfang der 1960er Jahre werden an zwei Stellen diskreditierte Wendungen im Findling kurzerhand entfernt und der Rest seither der Öffentlichkeit an zentraler Stelle als geltende Geschichtsinterpretation präsentiert.

Dabei bleiben prägende Entwicklungen Wandsbeks als Markt- und Fabrikort und die Übergänge von der Feudalherrschaft zur bürgerlichen Kommunalverwaltung ebenso ausgespart wie die 300-jährige Tradition Wandsbeks als Freistatt für Glaubensflüchtlinge – besonders für Juden. Zwischen den Daten 1901 und 1937 weist nichts auf den demokratischen und sozialen Reformwillen hin, der die Stadt Wandsbek in der kurzen Phase der Weimarer Republik nachhaltig veränderte. Aus Sicht der NS-Ideologie nicht anders zu erwarten – aber nach 1945?

Die von der Geschichtswerkstatt Wandsbek im Wege einer Eingabe an die Bezirksversammlung angeregte Debatte, zuletzt verhandelt im Finanz- und Kulturausschuss im März 2017, zeigt, dass die lokalen Akteure die Brisanz des Themas verkennen – bis heute. Die Appelle, unterstützt durch den Sachverständigen, Pastor i. R. Ulrich Hentschel, sowie die Vorschläge zu einer Neubewertung und Dekonstruktion des Steins sind leider im politischen Tagesgeschäft versandet.

Das Ehrenmal „Der Meldereiter“

Der Meldereiter in Hamburg-Marienthal, Foto: Matzematik

Das Ehrenmal des Husarenbundes „Der Meldereiter“ aus dem Jahr 1938 bietet aus heutiger Sicht ebenfalls Revisionsbedarf, zudem nach Abschluss der aufwändigen Sanierung. Die Wandsbeker Husaren – ein bereits in der Materialschlacht des 1. Weltkriegs aus der Zeit gefallenes Kavallerie-Regiment nebst Reservisteneinheit – ist seit preußischer Zeit in Wandsbek stationiert und wird 1898 von Wilhelm II. unter das Patronat der Königin der Niederlande Wilhelmina gestellt.

Bis Kriegsausbruch ein bedeutender Wirtschaftsfaktor, ist es 1919 mit der Husarenherrlichkeit ebenso vorbei wie mit dem Garnisonsstandort. Es entsteht 1923 an der Schilleranlage unweit der alten Kaserne ein würdevolles Denkmal mit einem trauernden, Abschied nehmenden Husaren und den Namen der Wandsbeker Kameraden, den oft jungen Opfern des 1. Weltkriegs.

Im Zuge der NS-Aufrüstung, dem Kasernen- und Autobahnbau in Wandsbek, wird der Standort Wandsbek 1935 wiederbelebt. Der Husarenbund mit seinen circa 3.000 Mitgliedern überall im Reich nutzt den Trend zur ideologischen Mobilisierung durch den NS-Staat für eigene Zwecke. Zugleich zielen die neuen NS-Machthaber Groß-Hamburgs mit der Heldenverehrung der Husaren in Gestalt des „Meldereiters“ auf konservative Kreise in Wandsbek.

Gleich neben dem alten Denkmal entsteht das zweite Denkmal mit einem angriffsbereiten Husaren zu Ross, gewidmet dem Wandsbeker Traditionsregiment. Zur geplanten Sprengung des Denkmals von 1923 kommt es, anders als zum Beispiel in Lüneburg, kriegsbedingt nicht mehr.

Darüber gibt die beigefügte Informationstafel keine Auskunft. Noch heute dient der öffentliche Platz der Husarenverehrung mit Kranzniederlegungen. Auch das im Heimatmuseum des Bürgervereins eingerichtete Husarenzimmer erfreut sich der Beliebtheit von Militaria-Sammlern und der Schar der Husarenfreunde aus aller Welt.

Die bisherigen Presseberichte zur Sanierung lassen ein Problembewusstsein und den Bedarf für eine historisch-kritische Einordnung bisher leider nicht erkennen. Es ist daher zu erwägen, die bereits seit einem Jahr vorbereitete Eingabe nunmehr in die politische Debatte zu bringen.

KONTAKT
Geschichtswerkstatt im Kulturschloss Wandsbek
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