Verfällt Kulturpolitik zu oft in ein Schwarz-Weiß-Denken und fördert damit eine Zweiteilung in eine „deutsche Kultur“ und eine „Kultur von Migranten“? Zu den Verbindungen von interkultureller Öffnung und Stadtteilkultur.

Autorin: Christa Goetsch

Hamburg ist eine der größten Einwanderungsstädte Deutschlands. Hier leben rund 513000 Menschen mit dem so genannten Migrationshintergrund. Das ist knapp ein Drittel aller Einwohner. Bei den unter 18-jährigen kann fast die Hälfte eine Einwanderungsgeschichte vorweisen.

Ich bin mir sicher, würde man erheben, wie diese Bevölke­rungsschicht das öffentlich finanzierte Kulturangebot der Theater, Museen und Konzerthäuser wahrnimmt, das Resultat wäre vernichtend. Haben wir ein Teilhabeproblem und damit auch ein Legitimationsproblem der öffentlichen Kulturförderung?

Will man diese Frage beantworten, muss man sich zuerst von den gängigen Dichotomien lösen. Denn die Frage nach Kulturrezeption und -produktion von Migrantinnen induziert eine Zweiteilung in eine „deutsche Kultur“ und eine „Kultur von Migranten“. Wir und die anderen. Viel zu schnell ist man kulturpolitisch dabei, gleiche kulturelle Teilhabe für Menschen mit und ohne Migrationshintergrund zu fordern und „die Türken ins deutsche Staatstheater zu schicken“. Dabei verfällt Kulturpolitik leider oft in ein Schwarz-Weiß-Denken und ­offenbart gesellschaftliche Haltungen, aus denen sich rück­wärtsgerichtete Stereotypen und Handlungen ableiten.

Wir und die Anderen

Was ist „deutsche Kultur“ und wie sieht das öffentlich geförderte (Hoch-)Kulturangebot in Deutschland aktuell aus? Schaue ich in die Spielpläne von Theatern und Orchestern in Hamburg dann finde ich neben Goethe, Schiller, Beethoven und Brahms fast genauso oft Dostojewski, Molière, Tschaikowsky oder Ravel. Auch in der Hamburger Kunsthalle hängen neben Caspar David Friedrich auch Kandinsky oder Picasso. Eine „deutsche Kultur“ finde ich nicht in den hippen Hamburger Galerien, den coolen Reeperbahn Clubs oder in den angesagten Off-Kinos. Überall internationale Künstler und Kunstwerke.

Und die „Migrantenkultur“? Vielfach pflegen migrantische Kulturvereine kulturelle Traditionen aus dem jeweiligen Herkunftsland. In Hamburg finden sich darüber hinaus auch türkische Theatergruppen, afrikanische Straßenfeste, latein­amerikanische Tanzgruppen oder asiatische Teehäuser. Jedoch finde ich ebenso chinesische Musikerinnen bei den Hamburger Symphonikern oder argentinische Solisten im John-Neumeier-Ballett wie auch deutsche Lehrerinnen in der Afro-Trommel­schule. Eine Trennung in „deutsche Kultur“ und die „Kultur von Migranten“ sowie die Kopplung von kulturellen Identitäten an Herkunft ist im Zeitalter von Globalisierung und Migration vollkommen obsolet.

In einer pluralistischen, internationalen Stadtgesellschaft gibt es eine enorme Vielfalt von Kulturen und kulturellen Präferenzen. Sie unterscheiden sich weniger nach der ­nationalen Herkunft, sondern eher nach sozialen, alters-, geschlechtsspezifischen oder sprachlichen Gesichtspunkten.

Es ist ein Phänomen: Gerade urbane und globale Jugend­kulturen wie Hip Hop oder Graffiti Street Art sind in allen sozialen Schichten und in allen Nationalitäten vertreten. In der Hamburger Hip Hop Academy beispielsweise tanzen Türken, Iranerinnen, Russen und Deutsche gemeinsam. Hinzu kommt, dass die eigene kulturelle Identität, die eigenen künstlerischen Erfahrungen und die tagtägliche kulturelle Praxis in einem andauernden Veränderungsprozess stehen. Kultur ist in diesem Sinne ein dynamischer Vorgang und keine festgeschriebene Naturkonstante. Heute sind es soziale Milieus, globale Trends und neue urbane Lebensstile, die eine sich ständig verändernde kulturelle Prägung beeinflussen.

Stadtteilkultur als Schlüssel für mehr kulturelle Teilhabe

Es gibt parteiübergreifend eine breite kulturpolitische Diskussion über das Ungleichgewicht der kulturellen Teilhabe in Staatstheatern, Museen und Konzertsälen, die auch heute noch überwiegend von einer akademischen Mittelstandsschicht besucht werden. Diese Diskussion ist wichtig, doch kann es kulturpolitisch nicht alleiniges Ziel sein, jedes Kind für die Elbphilharmonie zu begeistern.

Kulturpolitisch muss mehr kulturelle Teilhabe vor allem heißen, allen Bürgerinnen und Bürgern ein gleiches Recht auf kulturelle Praxis einzuräumen. Einrichtungen und Akteure der Stadtteilkultur bieten dafür mit ihrem partizipativen Kulturangeboten eine wichtige Infrastruktur. Lokale Kultur­arbeit kennt keine Ausgrenzung, die Angebote binden inter­nationale Trends ein und schaffen Verbindungen von Laien­arbeit bis zu professionellen Produktionen. Damit fördert die Stadtteilkultur die kulturelle Entwicklung von Individuen einer internationalen Stadtgesellschaft, die in ihrer Vielfalt immer wieder neue Ausprägungsformen findet.

Besonderes Augenmerk bei der interkulturellen Öffnung verdient auch die kulturelle Bildung. Aktuell liegen gerade im Ausbau der Ganztagsschule enorme Chancen. Den Schulen müssen Kooperationen mit Stadtteilkulturzentren, Kunst- und Musikschulen, Theatern und Museen ermöglicht werden. Dafür bedarf es neben zusätzlicher Finanzierung insbesondere auch die politische Unterstützung der Schulbehörde.

Kontakt:
Christa Goetsch, Bahrenfelder Strasse 98, 22765 Hamburg, 040/32 873-230

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