Über die Notwendigkeit, unterschiedliche Gruppen wieder zueinander zu führen und in einen gleichwertigen Dialog zu bringen – Impulse für Institutionen, um einen vernetzten und durchlässigen Kulturbegriff zu verankern.

Autorin: Martina Kurth

In den letzten Jahren ist die Zahl an Symposien, Tagungen und Förderprogrammen, die sich mit dem Thema „inter­kulturelle Öffnung der Kultur“ befassen, sprunghaft angestiegen. Viele Verantwortliche in Kunst und Kulturbetrieben haben verstanden, dass es zukünftig stärker darum gehen wird, verschiedene Kulturbezüge aufeinander zu beziehen und den eigenen Denk- und Handlungsraum zu erweitern.

Die Anzahl der Menschen, die sich in zwei oder drei Kulturen zuhause fühlt, nimmt zu. Durch langjährige Auslandsauf­enthalte während des Studiums und im Beruf und durch Zuwanderung entwickeln sich kosmopolitische Identitäten mit einem diversifizier­ten kulturellen Bezugssystem.

Je geübter das Publikum darin ist, verschiedene Kulturbezüge aufeinander zu beziehen, desto stärker erwartet es künstlerische Vielfalt. Viele Institutionen haben bisher keinen aus­reichenden Spielraum entwickelt, um diese neuen Perspektiven in eigene Handlungsfelder zu übernehmen. Demgegenüber versuchen einige Opernhäuser, Museen oder Schauspielhäuser ein neues Publikum zu gewinnen mit Formen der Vermittlung wie z. B. durch Gesprächsrunden, passgenaue Einführungen in Stücke, Nachgespräche mit Intendanten und Dramaturgen sowie Projekte in den Stadtteilen. Bei den Versuchen, Ver­anstaltungen für bestimmte Gruppen zu konzipieren, wie z. B. für Kinder, für Menschen anderer Herkunft oder mit Projekten in anderen Stadteilen, besteht die Gefahr, Gesellschaftsgruppen neu zu bilden. Von Möglichkeiten und Maßnahmen, wie ­unterschiedliche Gruppen wieder zueinander geführt werden, um im Theater, im Konzertsaal oder Museum ein gemeinsames Kunsterlebnis zu haben, hört und liest man selten.

So stellt sich die Frage, ob es ausreichend ist, bei Kultur­vermittlungs- und Outreach-Projekten die „eigene Kultur“ zu erklären und sie in andere Stadtteile zu exportieren oder ob es nicht Möglichkeiten gibt, einen gleichwertigen Dialog an den Anfang zu stellen. Ein Dialog, der gesellschaftlichen Wandel als Quelle der Inspiration begreift, lässt eine innere Mobilität innerhalb der Institutionen entstehen, die sich dann auf das Publikum überträgt.

Bei der Umsetzung sind diejenigen Institutionen erfolgreich, die ­kosmopolitische Identitäten in ihr Team mit aufnehmen und ihnen Gestaltungsspielraum geben.

Ein bewusster Umgang mit Diversität ist dabei auf allen institutionellen Ebenen notwendig. Diese Kompetenz­entwicklung gehört inzwischen zur universitären Ausbildung. So ist an der Hochschule für Musik und Theater Interkulturelle Kompetenz seit 2012 ein fester Bestandteil in der Lehre. Studierende entwickeln das notwendige Know-how, um ver­schiedene Kulturbezüge aufeinander zu beziehen und inter­kulturelle Öffnung gestalten zu können.

Bei der Frage nach „dem Publikum“ wird gern mit dem Begriff der „Zielgruppen“ gearbeitet. Der aus der Markt­for­schung stammende Begriff ist für die Herstellung von Produk­ten vielleicht ein zielführendes Konzept. Da es aber bei kulturellen „Produkten“ vielmehr um polyvalente, inhaltlich nicht eindeutig festlegbare Ergebnisse künstlerischen Handelns geht, scheint es für Kulturinstitutionen hilfreicher zu sein, sich in Bezug auf das Publikum mit dem Fuzzylogic-Konzept aus der interkulturellen Kompetenzforschung auseinanderzusetzen: Jürgen Bolten stellt zum Beispiel dem klassischen Bilden von Gruppen (Containern) ein offenes Modell an die Seite, das kulturelle Vielfalt aus neuer Perspektive betrachtet. Kulturen können nicht mehr als abgegrenzte Mengen im Sinne einer zweiwertigen Logik betrachtet werden, sondern vielmehr als „Fuzzy sets“. Dabei geht es nicht mehr darum, „ein Element entweder einer Menge zuzuordnen oder es auszuschließen, sondern darum, Zugehörigkeitsgrade von Elementen zu einer Menge zu modellieren. Eine fuzzy culture ist dementsprechend eher beziehungs- als substanzorientiert aufzufassen: Sie definiert sich vor allem über die Intensität, mit der sich Akteure auf sie beziehen.“ J. Bolten: Unschärfe und Mehrwertigkeit, in: Hoessler/Dreyer: Perspektiven Interkultureller Kompetenz, Göttingen 2011

Menschen sind in verschiedenen lebensweltlichen Strukturen eingebunden (Familie, Ausbildung, Vereine u. a.). Diese Kollektive sind untereinander vernetzt und permeabel. Es können Kohäsionsbildungen zwischen den einzelnen Kollektiven entstehen und die einzelnen Kollektive erhalten neue Impulse.

Diese offene Form eines vernetzten und durchlässigen Kulturbegriffs, in dem es um das sich Aufeinander beziehen und Kohäsionsbildung geht, scheint der wertvollere Ansatz bei der Betrachtung von Publika für Kulturinstitutionen zu sein. Mit ihm kann die dringende Frage beantwortet werden, wie ein Theater, Museum und Konzertsaal seine lebensweltliche Struktur erweitern kann, um Zugehörigkeit zu ermöglichen.

Kontakt:
Martina Kurth, Leitung des Career Center der Hochschule für Musik und Theater Hamburg, Harvestehuder Weg 12, 20148 Hamburg, 040/42 84 82-578, www.cc-hfmt-hamburg.de

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