Auf der Klausurtagung von STADTKULTUR HAMBURG zum Thema Finanzstrategien blickte Ansgar Wimmer, Vorsitzender der Alfred Toepfer Stiftung F.V.S., von außen auf die Hamburger Stadtteilkultur und rückte ZUKUNFTSTHEMEN wie das Aufbrechen von Segregation, produktives Kopieren und den Sturm auf die Schulen in den Fokus.

Autor: Ansgar Wimmer

Ansgar Wimmer, Foto: Kirsten Haarmann

Ansgar Wimmer, Foto: Kirsten Haarmann

Man kann nicht anders, als andauernd und immer wieder neu mit der Hamburger Stadtteilkultur zu sympathisieren. Nirgendwo anders in der Republik wird so vielfältig, so professionell und schon so lange Soziokultur inszeniert, nirgendwo anders ist man so gut vernetzt – und nirgendwo anders so gut examiniert. Doch nach sorgfältiger Evaluation kurz vor dem Kulturinfarkt, Branchenkrach um Elbleuchten und Stadtteil­kulturpreis und verblüffter Ernüchterung, das nach den schwarz-grünen Jahren ausgerechnet der absolut sozialdemo­kratisch regierte Senat so wenig Empathie für seine Stadtteilkultur erkennen lässt, fragt man sich, was nun? Da sich von außen am unbefangensten ein Hausaufgabenzettel schreiben lässt, beherzt hier einige Fragen, die sich einem Außenstehenden mit Blick auf die Stadtteilkultur in Hamburg in ihrer derzeitigen Lage aufdrängen.

Was ist der Beitrag der Stadtteilkultur gegen die wachsende Segregation der Stadtteile in Hamburg?
Warum die Stadtteilkulturzentren bei den Bezirken „aufgehängt“ sind, hat mir noch nie eingeleuchtet, ist aber so. Dabei haben sie wenig bis gar nichts mit verwaltungswissenschaftlich ermittelter bezirklicher Identifikation zu tun, sondern mit wohnortnahen soziokulturellen Strukturen im Quartier und den kleinen Lebenskreisen unabhängig von Bezirksgrenzen – und, wenn sie spannende Sachen machen, auch mit der Bereicherung eines gesamtstädtischen Angebots. In einer Stadt aber, in der Blankenese nicht von allein auf Billstedt und Poppenbüttel selten auf Allermöhe trifft, kommt Stadtteilkultur noch eine ganz andere Aufgabe zu: Nämlich die durch einen rigiden Immobilienmarkt und selektive Wohnortnahme begünstigten gesellschaftlich Verbarrikadierungen aufzuknacken, neugierig zu machen auf ganz andere Lebensformen und Eigentümlichkeiten in dieser Stadt und so interkulturelle Begegnungen innerhalb einer Metropole zu provozieren, und zwar über die Gren-zen des Quartiers hinweg.

Wie steht es um die Zusammenarbeit zwischen den Stadtteilkulturzentren wirklich?
Tatsächlich hat Hamburg eine beeindruckende Kultur des Zusammenwirkens und Austauschs zwischen den Stadtteilkulturzentren. Der jährliche „Ratschlag“, der Dachverband Stadtkultur Hamburg wie auch die Mitwirkung bei der von der Kulturbehörde initiierten Evaluation sind Beispiele hierfür. Unklar ist aber, wie viel Voneinander-Lernen, wie viel Kooperation, auch wie viel produktives Kopieren und Übernehmen tatsächlich untereinander stattfindet. Natürlich ist es immer spannen­der und erfüllender, sein eigenes Programm zu produzieren. Dies trägt tatsächlich auch zu der kulturellen Vielfalt bei. Wie wäre es aber, sich nicht nur wechselseitig von den Erfolgen zu berichten, sondern untereinander die Erfolgsgeschichten gemeinsam in Serie gehen zu lassen?

Das Thema hat übrigens auch noch zwei weitere Dimensionen: Schon nach der Evaluation der Stadtteilkultur war mir völlig unklar, warum sich keiner wirklich daran stört, dass Stadtteilkulturzentren im Hamburger Stadtgebiet geographisch bzw. demographisch sehr ungleich verteilt sind. Hier könnte eine gemeinsam erdachte und implementierte „Filialstruktur“ bestehender Zentren vielleicht einen Impuls geben, diese weißen Flecken auf der Karte mit Farbe zu füllen. Und noch ein anderer Aspekt: Lasst Euch nicht den Schneid abkaufen! Wenn John Neumeier mit dem Bundesjugendballett plötzlich mit tollen Projekten in den Nachbarschaften auftaucht, die Museen sich ihrer lokalen Identität erinnern und auch andere große Institutionen Euer Metier bespielen, dann denkt dran: Ihr wart das mit der „Kultur für alle“. Also, wie wäre es mit Caspar David Friedrich in Lurup?

Wie gehen die Stadtteilkulturzentren mit der Formensprache ähnlicher Institutionen in Hamburg um?
Auch der gütigste und neugierigste Betrachter versteht diese Strukturen von außen nicht mehr: Was unterscheidet ein Bürger- und Freizeithaus von einem „echten“ Stadtteilkulturzentrum, warum rangiert die Fabrik ganz woanders in der Förderung und warum trauen sich die Initiatoren von „Komm’ in die Gänge“, sich nach den alten Schlachten der Soziokultur als innovativ und pionierhaft wahrzunehmen? Und warum macht die öffentliche Berichterstattung aus jedem gefährdeten Künstler­atelier einen Prüfstein für den Umgang mit Kultur in dieser Stadt, nicht aber mit der chronischen Finanznot der Stadtteil­kultur. Die verwirrende Formensprache von bürgerschaftlich inspirierten, auf wohnortnahe soziokulturelle Angebote und Partizipation gerichtete Einrichtungen, von Initiativen, die diese Stadt institutionell kulturell bereichern wollen, muss den Endnutzer nicht beunruhigen. Wohl aber diejenigen, die in einem immer unübersichtlicher werdenden Feld auf Differenzierungsmerkmalen beharren, die nur noch historisch und nur manchmal mit Qualität erklärbar sind.

Wann beginnt die Stadtteilkultur endlich mit dem Sturm auf die Schulen?
Die „Verteidigungsschlacht“ um „außerschulische Lernorte“ ist vorbei. Nicht etwa, weil die offene, schulungebundene Jugend- und kulturelle Bildungsarbeit durch die Ausrufung der flächendeckenden Ganztagsschule verloren hätte. Oh nein, ganz im Gegenteil: Nun ist Zeit, das „Hallalli“ auf die Schulen zu blasen. Ohne das Know-How, die Kontakte und die Erfah­rungen der Stadtteilkultur ist in dieser Stadt gar kein qualität­voller, sinnvoller und lebendiger Ganztag in Hamburgs Schulen zu gestalten. Es sei denn, man missversteht zeitgemäße Ganztags­­beschulung als unterbezahlte Aufbewahrung von Kindern und Jugendlichen. Also, wenn Ihr nicht schon dabei seid, macht Kooperationsangebote, die nicht zurückgewiesen werden ­können, umarmt die Schulen in Eurem Quartier, bis sie Euch lieben.

Wie sichert Ihr die Nachhaltigkeit Eures Tuns?
Stadtteilkultur kann mittelfristig in Hamburg nicht ohne faire öffentliche Zuschüsse funktionieren. Dass diese sich in einem geradezu beschämendem Maße von den großen alten Tankern der Hamburger Hochkultur unterscheiden, kann jeder sehen, der Haushaltspläne lesen kann. All das aber entbindet die Szene nicht, ohne Larmoyanz darüber nachzudenken, wie die eigene Arbeit langfristig unabhängiger von öffentlichen Zuwendungen gesichert werden kann. Auch wenn Stiftungsmodelle andernorts in Hamburg wenig Glück gebracht haben, lohnt es sich vielleicht doch einmal die Idee stadtteilorientierter Gemein­schaftsstiftungen zu prüfen. Auch sind die Immobilien der Stadt­teilkulturzentren gemeinsam mit der Hansestadt als Nukleus für eine solche mögliche Stiftungskomponente in den Blick zu nehmen. Dass eine Teilfinanzierung der Stadtteilkultur durch einen eigenen langfristigen Kapitalaufbau ein steiniger Weg ist, ist unbenommen. Aber doch besser als Nichtstun und Hoffen.

Kontakt:
Alfred Toepfer Stiftung F.V.S., Georgsplatz 10, 20099 Hamburg, 040/33 402-0, mail@toepfer-fvs.de