Künstlerische und kulturelle Praktiken schaffen und benötigen Freiräume. Es handelt sich also um eine wechselseitige Bedingtheit, sozusagen um einen Engelskreis. Witali Späth ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Studiengang Stadtplanung an der HafenCity Universität Hamburg und fordert, Freiräume für Kunst und Kultur zu fördern, ohne sie gleich durch zielorientierte Auflagen zu instrumentalisieren.

Autor: Witali Späth

Auf der Seite der Raumproduktion – des Schaffens von Freiräumen durch Kunst und Kultur – steht in erster Linie das Potenzial für gesellschaftliche Innovation in jeglicher Hinsicht, ein Möglichkeitsraum, in dem Neues und Nicht-Etabliertes erprobt und erlebt werden kann. Gleichzeitig meint „Freiraum“ aber auch das Vorhandensein von Rahmenbedingungen, die eine Emanzipation von bestehenden Konventionen und ökonomischen Zwängen befördern oder gar erst ermöglichen. Dieses Verhältnis soll im Folgenden am Beispiel der Stadtplanung kurz umrissen werden.

Die Performativität und Symbolkraft kultureller Aktivitäten wird in der planerischen Praxis gerne dazu genutzt, die Wahrnehmung von Orten zu verschieben. Damit sollen brach liegende Areale aktiviert als auch ungewünschte Entwicklungen umgelenkt werden. Das Bespielen von Orten durch Kunst und Kultur erweist sich in vielen Fällen als bloße Instrumentalisierung. Orte werden mit symbolischem Kapital aufgeladen, mit dem Ziel, die immobilienwirtschaftliche Verwertbarkeit zu steigern. Selten geht es um die Schaffung eines echten Freiraums zur Stimulation potentieller gesellschaftlicher Mehrwerte. Künstlerische und kulturelle Aktivitäten sind in solchen Fällen nur Mittel zum Zweck und das Entstehen eines Freiraums in langfristiger Hinsicht wird nicht in Betracht gezogen.

Anstatt Kultur als immobilienwirtschaftliche Akupunkturnadel zu missbrauchen, sollten Stadtverantwortliche aus Verwaltung, Wirtschaft und Bürgerschaft Orte, an denen eigeninitiative Aneignungsprozesse stattfinden, gezielt fördern, ohne sie einem unmittelbaren Verwertungszweck zu unterwerfen. Denn Aneignung bringt schon per se Engagement, Verantwortung und Identifikation mit sich – immanente Qualitäten, die zu selten in wirtschaftspolitischen Argumentationen und Berechnungen Niederschlag finden. Neben diesen Attributen verlangt die Schaffung eines Freiraums nach der nötigen soziomateriellen Offenheit. Das heißt, es braucht die Möglichkeit, dass Mensch und Gebautes in eine aktive Wechselwirkung treten können – ein Potenzial, das eher abseits etablierter Institutionen der Hochkultur vorzufinden ist.

Im Werden begriffene Freiräume zu fördern, ohne sie durch zielorientierte Auflagen im Keim zu ersticken, erfordert ein prozessuales Verständnis von Raum. Dieser sollte auf keinen Endzustand hin gedacht sein. Ein echter Freiraum zeichnet sich durch seine Fähigkeit zur ständigen Transformation aus, welche wiederum dazu befähigt, einen Raum zu schaffen, in dem sich lebendige Kultur und die damit verbundene soziokulturelle Innovation entfalten kann. Eine stetig wechselseitige Bedingtheit also – des Freiraums wegen.

Kontakt:
Witali Späth, HafenCity Universität Hamburg, Studiengang Stadtplanung, Professur „Geschichte und Kultur der Metropole“, Averhoffstraße 38, 22085 Hamburg, witali.spaeth@hcu-hamburg.de

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