Nach gut einem Jahr im eigenen Haus, nach Umbauten und anstrengenden Zeiten für das Team, hat das Kinderkulturhaus KIKU volle Fahrt aufgenommen. Das KIKU ist nicht nur in der Hamburger Kulturlandschaft ein Unikat: Eine Einrichtung, die nur dafür da ist, mit Kindern und Jugendlichen kulturelle Kooperationsprojekte mit Schulen und Kitas zu veranstalten, gibt es sonst nirgendwo.

Autor: Thomas Ricken

Ein KiKu-Projekt – Form und Inhalt unterscheiden sich deutlich vom gewohnten Schulunterricht, Foto: KIKU

Manchmal erlebt man Überraschungen. Da ist ein Junge in der ersten Klasse, der sich fast immer außerhalb der Gruppe bewegt. Er robbt auf dem Fußboden herum, beteiligt sich nicht an Spielen, spricht dagegen vorwiegend mit sich selbst und lebt offenbar in einer Welt, die von Robotern und
Maschinen dominiert wird. Nur mühsam lässt er sich motivieren, eine Rolle in dem geplanten Theaterstück zu übernehmen. Er spielt mit anderen zusammen die Farbe Gelb – und erklärt schon bald, er sei die blödeste aller Farben. So war es am ersten und zweiten Tag. „Unser I-Kind“, sagt die Lehrerin nachsichtig. Am Ende der Woche sieht es anders aus. Das „I-Kind“ läuft zu großer Form auf. Vor 60 Zuschauern steht es auf der kleinen
Bühne im KIKU und ist nun der Wortführer der Farbe Gelb. „Du hast gesagt, dass das Gelb hässlicher ist als Rot und Blau!“ zetert der Junge mit Verve, dass kein Zweifel aufkommt: Nun muss sich die Königin verteidigen und ihrerseits die Sache richtig stellen.

Nicht immer sind die Auswirkungen der Arbeit des KIKUs so augenfällig, aber das Prinzip lässt sich generalisieren: Neue Herausforderungen, die mit der „normalen“ Schule wenig zu tun haben, mobilisieren neue Kräfte und Fähigkeiten bei Kindern und Jugendlichen. Und manchmal auch bei den begleitenden Erwachsenen.

Kultur mit Sprachförderung
Eine absolute Besonderheit ist die Sprachförderung im KIKU. Rechtlich gesehen sind die Veranstaltungen verpflichtender Förderunterricht in bestimmten Schulen für Kinder mit einem – durch Evaluation festgestellten – Sprachförderbedarf. Faktisch sind es Kulturprojekte, die mit den Kindern in kleinen Gruppen umgesetzt werden. So ersinnen z.B. Kinder „Erfindungen für Übermorgen“ und setzen sie künstlerisch um. Andere Kinder spielen Theater oder nehmen an Tanz-, Rhythmusoder Musikprojekten teil. Eine Medienwerkstatt experimentiert mit selbst ausgedachten Geschichten und arbeitet unter der Anleitung von Medienpädagogen an einem Hörspiel. In den meisten sprachförderlichen KIKU-Veranstaltungen wird gesungen und geklatscht, erzählt und gespielt. Die Kinder erweitern ihren Wortschatz, verbessern die freie Rede, das rhythmische Gefühl, das Hör- und Sprechverstehen und ihre praktische Grammatiksicherheit. Zum Ende eines Projektes findet in der Regel eine Aufführung oder Präsentation vor Eltern und Mitschülern statt.

Rund 25 dieser sprachförderlichen Kulturprojekte veranstaltet das KIKU im ersten Halbjahr 2012. Die künstlerischen und kulturpädagogischen Kräfte, die diese spezielle Form der Sprachförderung durchführen, nehmen an einer Fortbildung, die das KIKU gemeinsam mit dem LI veranstaltet, teil. Am Ende steht die Zertifizierung als Sprachförderkraft.

Viele Möglichkeiten in der alten Villa
Das KIKU hat eine multifunktionale Einrichtung, die flexibel an ganz unterschiedliche Bedürfnisse angepasst werden kann. Im Erdgeschoss der denkmalgeschützten Villa mit großem Garten gibt es einen kleinen Saal mit Bühne, Ton- und Lichtanlage. Er kann für bis zu 100 Zuschauer bestuhlt werden.

Wo vormittags Schulklassen Theater spielen, wird nachmittags beispielsweise musiziert und abends nutzen oft Kurse des Kulturzentrums
LOLA die Räume. Im Obergeschoss gibt es einen großen Raum mit Tischen und Stühlen, der problemlos eine komplette Schulklasse fasst. Er wird von vielen unterschiedlichen Projekten genutzt, auch die Medienprojekte mit den von der ZEIT-Stiftung gespendeten Laptops finden meistens hier statt. Kinder, Jugendliche und Erwachsene nutzen aber auch sehr gern den „Wolkenraum“, benannt nach der riesigen, leuchtenden Wolke, die in dem bis unter den First des Hauses entkernten Raum schwebt. Gemütlich eingerichtet mit weichem Teppichboden, Sitzsäcken und Decken, werden die Laptops auch gern dorthin mitgenommen. Arbeitsgruppen, Sprachförderveranstaltungen mit (Vor)-Lesen, Musik und Entspannungsphasen sind für den rund 50 Quadratmeter großen Raum ideal.Daneben gibt es noch Büros und einen großen Keller, der als Lager für Materialien und Requisiten hoch willkommen ist. Aber bei einem sprachförderlichen Filmprojekt wurde das Souterrain auch schon mal zum Drehort und mutierte zu einem gefährlichen Labyrinth, in dem Kinder von grauenvollen Monstern verfolgt wurden…

Grundsätzlich hat das KIKU fürs Erste seine Bestimmung gefunden. Nach und nach bietet das Kinderkulturhaus mehr schulübergreifende und frei zugängliche Projekte an. Ein Beispiel dafür ist ein umfangreiches kulturelles Ferienprojekt, das zusammen mit dem Kulturzentrum LOLA angeschoben wurde. Für das kommende Schuljahr sind darüber hinaus schulübergreifende, sprachförderliche Theaterprojekte geplant.

Das Kinderkulturhaus wurde vom Kulturzentrum LOLA „erfunden“ und vor rund einem Jahr als eigenständige Institution
mit einem besonderen Charakter ausgegründet.

Kontakt:
KIKU – Kinderkulturhaus des Kulturzentrums LOLA UG (haftungsbeschränkt), Lohbrügger Markt 5, 21031 Hamburg, info@kiku-hh.de, www.kiku-hh.de, www.lola-hh.de

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