Kaltstart ist das größte Nachwuchsfestival im deutschsprachigen Raum. Der Theaternachwuchs zeigt auf dem Festival seine aktuellen Produktionen im Kulturhaus III&70.

Autor: Thimo Plath

„Ein Ort, das ist unter den geltenden Umständen: ein Quantum umbauter und konditionierter Luft, ein Lokal tradierter und aktualisierter Atmosphäre, ein Knotenpunkt beherbergter Beziehungen, eine Kreuzung in einem Netzwerk von Datenflüssen, eine Adresse für unternehmerische Initiativen, eine Nische für Selbstverhältnisse, ein Basislager für Expeditionen in die Arbeits- und Erlebnisumwelt, ein Standort für Geschäfte, eine regenerative Zone, ein Garant der subjektiven Nacht.“
P. Sloterdijk, Sphären III Schäume

Auch wenn Sloterdijk in dieser Passage das „Haus des Men­schen im Allgemeinen“ beschreibt, ist diese Aufzählung sehr geeignet, um anhand der Begriffe das Kaltstart Festival zu beschreiben.

Der Ort: Das ist das Kulturhaus III&70. Die geltenen Um­stände: Das Kaltstart Theaterfestival. Bei Kaltstart zeigen Nach­wuchsproduktionen aus dem ganzen deutschsprachigen Raum ihre subjektiven Positionen, vielschichtig überlagerte Einflüs­sen, unterschiedlichste Geschichten, die bewußt miteinander konfrontiert werden. Es sind Expeditionen in die Arbeits­ und Erlebnisumwelt. Die hier gezeigten jungen Produktionen zei­gen Ansätze sich zu positionieren, Altes mit Neuem zu kon­frontieren, Ebenen zu verschachteln – ein Lokal tradierter und aktualisierter Atmosphären. Häufig wird sich über lineare Erzähl­strukturen hinweggesetzt. Dabei werden gewagte Verschrän­kung von unterschiedlichen Text­ und Zeitebenen, der Durch­mischung von Dokument und Fiktion, von Zitat und Original unternommen.

Das Festival verzichtet bewußt auf Preise, das Experiment zählt und nicht die institutionelle Verwertbarkeit. Zu schnell findet man sich sonst im kurzlebigen Hype der „Theater­Charts“ wieder.

2006 eröffnete die Pferdestall Kultur GmbH das Kultur­ haus III&70. Im Pferdestall-­Team fanden sich Theaterfach­leute, die sich eine Spielzeit außerhalb der Spielzeit, ein Festival außerhalb der Richtlinien und üblichen Standards wünschten. Das war die Gelegenheit: Ein Festival außerhalb des üblichen Festivalzirkus konnte hier gegründet werden – ein Ausnahme­zustand, außerhalb des regulären Spielbetriebs, aber im Zentrum des belebten und szenigen Schanzenviertels. Das trägt dazu bei, dass sich hier unterschiedlichstes Publikum einfindet.

Hier treffen junge Theatermacher auf andere Theaterleute. So entsteht ein lockerer Knotenpunkt, im Sinne eines Netzwerks von Datenflüssen. Kontakte werden ausgetauscht, Beziehungen geknüpft – eine Fachmesse mit viel Publikum von außen. Kaltstart knotet sich dabei nicht fest, verschließt sich nicht wie ein alter unlösbarer Seemannsknoten, es wandelt sich. Kaltstart arbeitet regelmäßig mit den unterschiedlichsten Theatern zusam­men. Große Staats­- und Stadttheater wie Frankfurt, Hannover, Mannheim, Düsseldorf, Dresden, Bochum und vor Ort das Hamburger Schauspielhaus sind immer wieder mit jungen Produktionen zu Gast. Ebenso gleichberechtigt kommen spannende Produktionen von kleineren Häusern wie Aachen, Bremerhaven, Landesbühne Sachsen, Plauen Zwickau und Landestheater Tübingen. Und auch regelmäßig zeigen Off­-Theater wie Heimathafen Neukölln, Rottstr. 5 aus Bochum, Ballhaus Ost Berlin und Landungsbrücken Frankfurt ihre Arbeiten bei Kaltstart. Interessante Ansätze waren bisher auch von den Hochschulen Mozarteum Salzburg, Max Reinhardt Seminar Wien, der Ernst Busch Berlin und der HKB aus Bern zu sehen.

Das Basislager für diese Expeditionen erstreckt sich vom Keller bis unter das Dach der III&70. Im letzen Jahr kamen zwei große Spielstätten in der III&70 dazu und der Salon wurde zum Festivalzentrum ausgebaut. So bildet der Salon sowohl den Kno­tenpunkt für entstehende künstlerische Netzwerke, als auch einen Rückzugsort für regenerative Zwecke. Die Künstler haben genug Zeit, sich mit den Gruppen aus anderen Städten zu unter­halten, tagsüber ihre Vorstellung einzurichten, abends zu spie­len und noch eine Vorstellung der Kollegen zu besuchen.

Durch die unterschiedliche Art der Räume haben die Künst­ler die Möglichkeit sich für ihre Darstellung ihre eigene, pas­sende Nische zu suchen. 2010 war z.B. Alexander Riemenschnei­der mit seinem lockeren, improvisierten Diaabend im dunklen, kleinen „Club“, 2011 eröffnete er mit Peter Hankes „Kaspar“ vom Theater Bonn die größte Spielstätte im Haus.

Ebenso waren u.a. auch die Regisseure Marie Bues, Tim Egloff, Sebastian Schug, Sarantos Zervoulakos oder Krzysztof Minkowski schon wiederholt bei Kaltstart und konnten mit völ­lig unterschiedlichen Bühnensituationen spielen. Dass Künstler „Wiederholungstäter“ bei Kaltstart werden, ist durchaus forciert. Eine Karriere im Theater bedeutet langfristige Netzwerke aufzu­ bauen. Zu diesen nachhaltigen Verbindungen möchte Kaltstart einen Beitrag leisten.

Nachdem die Theater in die Sommerpause gehen, bündelt Kaltstart noch einmal geballte Theaterenergie in Hamburg und ruft den Ausnahmezustand aus. Dieser Ausnahmezustand ist ein experimentierfreudiger Zustand, er legitimiert, dass man Konventionen in Frage stellt, ohne diese zu leugnen.

Kontakt:
Kulturhaus III&70, Schulterblatt 73, 20357 Hamburg, 0151/52 70 14 82, sarah@kaltstart-hamburg.de, www.kaltstart-hamburg.de

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