Das Interessante zwischen den Worten, zwischen den Menschen und zwischen den Kulturen thematisiert das Festival eigenarten alljährlich im Herbst. eigenarten präsentiert auf den verschiedensten Bühnen der Hansestadt spartenübergreifend Hamburger Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt mit ihren aktuellen interkulturellen Produktionen.

Autoren: Kai Peters und Julie Salviac

In den zwölf Jahren, die es das Festival schon gibt, hat sich das Profil des Festivals entwickelt und geschärft. Die Schwer­punkte haben sich verändert, dies spiegelt den Wandel in der interkulturellen Szene wider. Was waren die Impulse, die zum ersten interkulturellen Festival im Jahr 2000 führten, und welche Motive bringen heute die Künstlerinnen und Künstler dazu, das Festival zu gestalten?

Rückschauend lässt sich feststellen, dass am Anfang die defensive Selbstbehauptung stand: Der Wunsch, in dieser beken­nend offenen Stadt endlich in einem größeren Kontext wahrgenommen zu werden. „Exotische“ Musikveranstaltungen und Theateradaptionen fanden schon lange statt und begeisterten. Es konnte jedoch auf Seiten des Publikums beobachtet werden, wie sehr damit Urlaubs­erfah­­run­gen wiederbelebt oder ein begrenztes abendliches Kulturspotting betrieben wurden. Das ist nach wie vor ein Gewinn, aber etwas Wesentliches war doch auf der Strecke geblieben: War damals bewusst, wie viele der Akteure in Hamburg lebten und arbeiteten? Wie engagiert und kreativ sich viele mit Hamburg auseinandersetzten und wie impulsstark – bewusst oder unbewusst – am Bau unserer modernen urbanen Gesellschaft mitgewirkt wurde? eigenarten griff diese innewohnenden Fäden auf und wollte die verborgenen Auseinander­set­z­ungen und ihre Dialoge sichtbar machen.

Heute erscheint die interkulturelle Szene viel selbstbewusster und akzeptierter. Die Anliegen sind zwar noch nicht ganz „in der Mitte der Gesellschaft angekommen“, im Vergleich zum Jahr 1999 werden ihre Impulse aber intensiver wahrgenommen und offener diskutiert. Nach wie vor ist zu erleben, wie stark kulturelle Wurzeln wirken und wie wichtig diese sind. Für eigen­arten ist deshalb kulturelle Authentizität ein wichtiger Kernbe­griff geworden. Ihr soll Raum zur Entfaltung geboten werden, um im künstlerischen Umfeld spielerisch freie und doch gesellschaftlich verortete, konstruktive Prozesse zu ermöglichen. Den Künstlerinnen und Künstlern des Festivals gelang es bisher in jedem Jahr, den Bogen zu spannen zwischen Fremd- und Willkommensein, multikulturellem Nebeneinander, ­interkultureller Begegnung und gemeinsamem Arbeiten.

Die Organi­satoren wissen selten, ob dahinter eigene transkulturelle Erfah­rungen stehen oder ein kreatives Talent, sich auf das „Zwischen“ neugierig einzulassen. eigenarten fokussiert auf spannende und ungewöhnliche künstlerische Verbindungen,
in denen das dynamische und dialogische künstlerische Potenzial von Ham­burg sichtbar wird. Wohlgemerkt in einer Stadt, die seit jeher den Anspruch erhebt, durch Austausch neue Verbindungen zu schaffen und aus dieser Weltoffenheit ­innovative Kraft zu schöpfen.

Bei allem Entsetzen, die die Zuspitzung der sogenannten Integrationsdebatte im zweiten Halbjahr des Jahres 2010 auch bei uns ausgelöst hat, erinnern wir uns an die früheren Jahre: Das Buch „Clash of Civilizations and the Remaking of World Order“ des Politikwissenschaftlers S. P. Huntington war populär und die Auseinandersetzung mit dem vermeintlich Fremden und dem Eigenen prägte als globaler Strategie-Wettbewerb die späten Neunziger. eigenarten setzte bereits am Anfang auf die spannenden und bereichernden Begegnungen zwischen Kul­turen, die sich im offenen Dialog erleben. Dies halten wir ­wei­terhin für sehr wichtig. Kunst und Kultur sind für diesen kon­struktiven gesellschaftlichen Dialog unverzichtbar. Es prä­sen­tieren sich Künstler, die einerseits ihre kulturelle Eigenstän­digkeit bewahren und zugleich durch den kreativen Austausch miteinander und mit dem Festival neue Bezüge schaffen.

Das nächste Festival eigenarten findet vom 27. Oktober bis 6. November 2011 statt.

Kontakt: Interkulturelles Festival eigenarten, c/o peeng e.V., Thadenstraße 100, 22767 Hamburg, 040/43 18 35 00, www.festival-eigenarten.de
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